Der traurige Mann und und der Pilger.


Bei meinem 2. Besuch in Finisterra ließ mich der Gedanke zum Besuch der heiligen Steinen auf dem Hausberg nicht mehr los. In Muxia erzählte mir der Martin D. von Ihnen und nun suchte ich die heiligen Steinen, diesen uralten Keltenplatz – der Magie aus vergangenen Zeiten. Mein erster Versuch (ohne Hilfe) am Vorabend ging mächtig in die Hose. Dann kam die Erinnerung zu Christine, die Wirtin von der Bar La Frontera, direkt schräg gegenüber der Bushaltestelle im Ort am Ende der Welt. Im vorderen Bereich der Bar ist eine Art Hippiladen integriert, nach etwas herum schauen begab ich mich an die Theke und von Christine leider keine Spur. Nach meinem Nachfragen nach ihr bekam ich die Antwort: „Christine hatte heute Morgen Zahnschmerzen und ist zum Termin beim Zahnarzt!“ Shit … und so konnte mir keiner weiter helfen auf meinem Weg zu den heiligen Steinen. Ich bestellte mir einen Cafe con Leche und begab mich nach draußen auf die Terrasse. In mitten von Hippies fand ich mich wieder, Zeitgenossen mit sehr interessanten Lebensläufen aus aller Herrenländer. Doch keiner konnte mir weiter helfen bei meiner großen Suche. Der Cafe wanderte Schluck um Schluck in meinen Körper, in Abwechselung dazu der Rauch meiner selbstgedrehten Kippe. Zigarettenrauch war reichlich in der Luft an diesem frühen Nachmittag in Finisterra. An einem Nachbartisch beobachtete ich seit geraumer Zeit einen sehr traurig wirkenden Mann. Immer wieder zog er meine Aufmerksamkeit unbewusst zu sich an den Tisch. Seine Augen wirkten sehr sehr traurig und sein Gesicht wirkte verheult. Vor ihm einige leere Biergläser. Ich fasste all meinen Mut zusammen, stand auf und ging auf ihn zu. Mit meinen Schulenglisch fiel ich bei meiner Ansprache gleich als Deutscher auf und der traurige Mann sprach mich auf Schweizerdeutsch an. Oli, bat mich platz zu nehmen …

Da saß der Pilger Kai bei Oli, dem traurigen Mann nun am Tisch und unsere Augenblicke wurden zum Moment der Begegnung. Oli erzählte eine wahre Geschichte und mein Impuls zu folgen war richtig, richtig wichtig. Oli konnte mein Ohr und meine Anwesenheit sehr gut gebrauchen.

Die Geschichte fangt nicht erst am Ende der Welt an !!!

Oli kam erst heute per Flugzeug aus der Schweiz in Santiago de Compostela an und fuhr gleich mit dem Bus weiter nach Finisterre. Er ist kein Pilger. Sein bester freund ließ ihm vor 2 Tagen eine Nachricht per Mail zukommen:

„Mein lieber Freund Oli,

du kennst mich und meinen Lebensweg. Ich weiß nicht mehr weiter, mein Herz blutet immer noch. Ich werde meine Geschichte nicht wirklich los. Mein Rucksack den ich von Basel bis ans Ende der Welt getragen habe ist zu schwer. Unterwegs hatte ich viele schöne Momente und dachte die Herzensheilung ist durch. Nach diesem Kackjahr 2013 an dem mich meine Frau verließ und ich in aller Verzweiflung mein altes Leben hinter mir lassen wollte, scheiterte ich wohl. Ich weiß es nicht wirklich was geschehen ist und welch Aufgaben ich nicht meistern konnte. Ich liebe DICH mein Freund Oli, vergiss dies niemals, auch wenn ich nicht mehr hier bin. All meine Versuche des Wandels, mit samt aller Psychiater-Besuche für tausende Schweizer Franken lassen mich nur noch einen Weg gehen. Der Camino de Santiago ließ meine Kraft anwachsen, die Kraft meinen Weg bis ans Ende zu gehen. Ich werde am Hippibeach mit meiner Last im Rucksack ins Meer gehen und … mich davon befreien, untergehen … oder ein neues Leben anfangen. Dafür brauche ich Zeit. Meine Zeit und ohne die Menschen die mich lieben. Vielleicht wirst du auch einmal in Deinem Leben den Weg nach Santiago de Compostela pilgern!? Auf Jedenfall hinterlasse ich in Finisterra meine Tagebücher in einer Bar für Dich. Vielleicht kommst du her und holst sie dir um mich und meine Entscheidung nachvollziehen zu können!?

In tiefer Liebe und Verbundenheit – Dein Freund“

Während und nach diesem sehr langen Moment mit Oli nahm ich ihn in den Arm. Die ganze Gesellschaft auf der Terrasse verstummte bei unseren laufenden Tränen. Ich konnte es gar nicht fassen und begreifen, dieser Moment am Ende der Welt.

Beim schreiben und erzählen denke ich an meine persönliche Geschichte und dem Ruf des Caminos zurück. Auch mich brachte ein gebrochenes Herz auf den Fußweg durch Spanien. Meine Last auf dem Rücken wurde leichter und meine Tagebücher ermöglichen mir ein weiteres Buch zu schreiben. So Gott und ich es möchten. Seid mehreren Wochen liegt ein kleiner Zettel auf meinem Küchentisch und ich tat mich echt schwer der Notiz zu folgen. Zu schreiben, zu erzählen …

Die Notiz:

„Die Last des gebrochenen Herzen. <<<< SCHREIBEN. Trauriger Mensch.“

Was aus Oli und seiner Geschichte geworden ist weiß ich nicht! Schreibt er ein Buch (mit den zurück gelassen Tagebüchern) zu Ehren seines Freundes? Geht er den Camino?

Buen Camino …

Kai Peter Jasny

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