Reliegos und das Spezi – (Tag 15 am 14.07.2015)


Letzten Abend bin ich vor 22 Uhr ins Bett ohne Tagebuch zu schreiben. Das Vierbettzimmer teile ich mit meiner kleinen neu gewonnenen Schwester aus Litauen. Das Einschlafen gelingt mir nicht sofort. Ich konnte es nicht lassen und postete auf Facebook meinen ersten Post seit Bordeaux. Jetzt habe ich dumme Gedanken und meine Dämonen kämpfen gegen meine Engel. Zuerst kämpfe ich dagegen an und möchte, dass das Gute siegt. Ausweglos und sein lassend schlafe ich doch irgendwann ein. Der Camino ist ein Meister darin in der Zeit zu reisen, Vergangenheit und Zukunft überkommen mich beim gehen und auch beim in die Nacht des Schlafens gehend.

Um 8 Uhr befinde ich mich im Innenhofgarten und versuche die Wachheit in mir mit 3 Cafe con Leche und einer Cola zu wecken. Auf Englisch unterhalte ich mich mit einigen Pilgern in langsamen Tempo, da noch nicht wach. Gegen 9 dann Aufbruchsstimmung, viele sind schon längst auf dem Weg unterwegs. Jeder läuft sein Tempo uns spürt seine Zeit. Ein junger Italiener kommt gerade dazu, meine kleine Schwester hat einige Stunden mit ihm schon verbracht. Sie hat sich in ihn verguckt, doch gelingt es ihnen nicht, den Weg auf längere Zeit gemeinsam zu gehen. An diesem Morgen schon und ich verabschiede mich. Lustigerweise begleitet mich nun ein junger Kanadier, der der mit dem Italiener gepilgert ist. Haha, Partnertausch. San Nicolas wird der Ort der Begegnung und des Abschiedes. Mich interessieren Geschichten und wie kommen so viele Junge Leute auf den Jakobsweg? Er wollte unbedingt einmal nach Europa und weil er das Wandern liebt, lag es nahe den Camino zu gehen. Nach einer Stunde trennen wir uns, ihm bin ich mit meinen langen Beinen zu schnell. Wenige Zeit später hole ich einen Deutschen Geschäftsmann ein. Er gönnt sich ganz einfach eine wohlverdiente Auszeit und geht Pilgern. Er übernachtet in Hotels und ist etwas übergewichtig, deshalb bleibt das Vergnügen sich anzuschnuppern nicht lange erhalten.

In Sahagun nach dem Einkauf des Frühstückes sehe ich einen langhaarigen in Springerstiefel, denke mir, dass kann nur ein Deutscher sein. Damals wusste ich noch nichts von Klaus, Klaus der zum Schattenpilger wird …

Auch einen weiteren Bekannten begegne ich, in unseren Gesprächen zuvor hörte ich seine Abneigung gegenüber Religion und Spiritualität. Er wollte den Weg sportlich gehen, jetzt ist der Fuß kaputt und seine Zwangspause im Hotel steht aus. Tschüss, mein Hunger erwartet mich. An einem Schattenplatz gibt’s Cookies, Joghurt und Obst. Dass das Frühstück zu viel für meinen Magen war merke ich auf den nächsten 4 bis 5 Kilometern bis nach Calzada del Coto. Dort entscheide ich mich für die Nebenroute „Calzada Romana“. Bis zum nächsten Ort ist es sehr weit, ich lese im Reiseführer von der alten Römerstraße und einem duftenden Wald den man durchläuft. Daraufhin folgt die Einsamkeit der Meseta. Ich empfinde den Wegabschnitt anfänglich eher langweilig und freue mich die nächste Ortschaft Calzadilla de los Hermanillos zu erreichen. Der Ort ist mehr als ausgestorben bei dieser Hitze. Eine nette Frau sitzt vor einer Albergue. Mir stellt sich die Frage ob ich den Pilgertag abbrechen soll!? Eine Entscheidung kann ich nicht finden, da fällt mir meine Münze ein, das ½ Francstück. Es entscheidet beim Wurf zum weitergehen. 18,5 Kilometer der Einsamkeit, fast ohne Schatten und keine Trinkwasserquelle. Heißer Wind spuckt mir ins Gesicht. Langsam aber sicher merke ich das ich doch lieber meine 3 Liter Trinkblase hätte befühlen sollen. 1 Liter Wasser in den beiden Flaschen ist ein viel an zu wenig. Ganz alleine ich und der heiße Wind auf weiter Flur. Mein Kampf mental und körperlich. Dummerweise beschließe ich aus irgendeinem Grund mein Handy anzuschalten und prompt kommt eine SMS von meiner Affäre auf´s Display. Warum das jetzt auch noch ??? Handy aus und weitergehen. Der Tag zieht sich hin und die Füße werden immer schwerer. Die letzten 10 Kilometer habe ich kein Wasser mehr bei mir. Zum großen Glück gibt es an einigen Stellen die Wassergräben für die Felder. Ich binde meinen Hut an einen der beiden Wanderstöcke und ziehe mir den nassen Hut auf. Kühlung für den Kopf, trinken tue ich das Zeug nicht! Am Horizont taucht ein Streifen Birkenwald auf und ich hoffe und bete auf´s erreichen des Tageszieles Reliegos. Satz mit „X“ war leider nix … weiter geht der Pilgertag.

Eine Stunde später führt der Romerweg abwärts in den Ort meiner Gebete, danke Jakobus!

An der erst besten Wasserquelle trinke ich sicherlich 2 bis 3 Liter Wasser. An der Straßenecke vor mir erspähe ich die Bar Elvis. Weiße Wände mit vielen Sprüchen drauf verewigt. Macht gleich einen sehr sympathischen Eindruck auf mich. Nach meiner langen Pause im Schatten geht die Suche zur Unterkunft los, auf weitergehen und im Zelt schlafen habe ich wirklich kein Bock. In der Albergue Municipal ist noch Platz. Als ich meinen Pilgerausweis zum stempeln des Sellos hergebe, verschränkt mein Gegenüber die Arme über dem Kopf und deutet mir an, dass ich nicht mehr richtig ticke. Bei dieser Hitze über 40 Kilometer zu gehen ist nicht normal. Anfänglich blicke ich gar nicht woher er dies weiß, dann wird klar, der Sello vom letzten Übernachtungsort ist der Wegweiser zu meiner Tagesdistanz. Habe die Meseta fertig, welch Kraftakt. Zum Glück ging wiedereinmal alles gut aus.

5 Euro die Nacht und die Duschen sind super gut! Waschtag, mich dusche ich eine Ewigkeit mit heiß / kalter Wechseldusche, dies belebt meinen angeschlagenen Kreislauf. Später wird die Kleidung noch sporadisch von Hand mit Seife gewaschen. Beim Wäscheaufhängen vor der Herberge bemerke ich 2 Asiatinnen mit kaputten Füssen im Schatten der Mauer gegenüber sitzen. Ein anderer Pilger kümmert sich rührend um die Beiden. An seinen Händen Einweghandschuhe und vor ihm ausgebreitet ein Ersthilfeset. Den Mädels ist das Lachen vergangen und im Zuge der Behandlung schreien sie etwas.

Mir fällt die Bar Elvis wieder ein, weit entfernt ist sie nicht, deshalb finde ich mich bald Barfuss darin. Coole Kneipe, Rockmusik wummert aus den Boxen. Der Wirt ist wohl selbst sein bester Gast. An den Wänden hängen T-Shirts aus der halben Welt. Zurückgelassen mit Sinnsprüchen als Erinnerung an den Camino. Auch die Wände zeigen Geschichten auf. Ich bestelle mir gleich zwei Dosen Cola und 2 Dosen Orangenlimonade. Er serviert mir alles 4 und ein Glas mit Eiswürfeln. Elvis staunt nicht schlecht über mein Spezi. Das wer Orangenlimonade mit Cola mixt hat er bis Dato niemals gesehen. Er fragt mich nach dem Namen des Gebräus, ich antworte Spezi, Spezi steht wohl für spezial!? Voll geiler Geschmack hat mein Spezi Nummer 1 zu Spanien. Und auch hier habe ich keinen Schimmer wie ich auf die Idee dazu kam. Der „spezielle Weg“ vielleicht?

Wir lachen beide und fühlen uns wohl! Hunger habe überhaupt keinen, aber Sehnsucht, die Sehnsucht auf mein einfaches Pilgerbett. Der Beschluss, oder das Gefühl zum nix essen treibt mich nach einer Stunde wieder aus dem Bett. Draußen schreibe ich meinen Tag ins Tagebuch, über mir fliegen Schwalben. Es ist immer noch sehr warm und um 22 Uhr noch sehr hell. Ich freue mich am Anblick der ersten Sterne. Es ist fantastisch ruhig hier in Reliegos, kein Internet, einfach keinerlei Ablenkung vom Wesentlichen. Ich fühle mich wieder bei mir angekommen und lasse das Erlebte nochmals sanft artig Revue passieren. Die lieben Menschen der letzten Tage sind losgelassen und trotzdem noch bei mir in meinem Herzen. Ich bin stolz auf mich und meinen Weg. Tag 15 auf dem Jakobusweg mit 457 zurück gelegten Kilometern steht bald in meinem Tagebuch. Um 18:30 bin ich hier angekommen und jetzt fühle ich mich in Ewigkeit mit diesem Ort verbunden. Meine kleine Schwester erzählte mir den übersetzten Namen von Reliegos und zwar „heiliger Ort“

Ein kurzer Blick in den nächsten Tag zeigt eine Strecke von 7 Kilometer mit Einkehrmöglichkeit zum Frühstück dazu nur noch 26 km bis Leon, passt!

Für mich mein heiliger Tag in einem heiligen Ort, gute Nacht.

Buen Camino & ultreia 🙂

Pilger Kai ❤

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