​Dienstag, der 21.Juli 2015 – Danger by the way … Tag 22


Nach dieser Nacht pflügt ein Traktor durch meinen Kopf. Der Abschied von den beiden Mädels unspektakulär, freundlich und trotzdem nach der gemeinsam verbrachten Zeit eher unpersönlich. Vielleicht sehen wir uns auf dem Weg nach Santiago doch noch wieder?
Draußen auf dem Camino Nieselregen. Ich fühle mich leblos, lustlos und ausgepowert. Schreibe ich IHR heute? „Ja“ meine innerliche Ansage diesbezüglich. Meine Bestellung ans Universum fand sich innerhalb eines Traumes der Nacht wieder: „Ich möchte wissen was ich falsch mache?“ Wahrscheinlich mache ich nichts falsch und wir passen einfach als Paar nicht zueinander.

Wer weiß es … jedenfalls kam ich durch die Situation mit dir auf den Jakobsweg in Spanien.

Ich las im Reiseführer ungefähr meinen heutige Tageswegstrecke und nahm mir eine der zwei möglichen Alternativrouten vor. Von Triacastela aus über Samos nach Sarria wurde meine Wahl. Santiago de Compostela rückt immer näher. Trotz Buch in der Hand blickte ich so einfach mal am Ortsausgang gar nicht durch. Ich spuckte förmlich beim ausatmen Fragezeichen in die Luft. Dann entschloss ich mich nach links abzuzweigen und pilgerte auf einer Teerstraße oberhalb des von mir rechtsseitigen Bach entlang. Die gelben Pfeile verschwanden und ich wurde orientierungslos, auch weitere Muschelzeichen Fehlanzeige. Dann gelangte der Kai an einen Abzweig zum Bach hinunter,

dieser Weg wurde zu einem schmalen Pfad. Beim erspähen eines Schildes – der Hinweis, dass ist nicht der Weg nach Compostela. (Auf Englisch mit Edding auf´s Schild geschrieben)

Zum Umkehren hatte ich einfach keinen Nerv und bockig wurde ich auch. Also weiter dem Bach entlang. Scheiß auf ALLES.

Die Belohnung für mich und meinen Sturkopf … ein unmöglicher Weg zugewuchert mit Dornenhecken. Meine Beine und Arme dankten mit blutigen kleinenKratzern. Nein, es gibt kein Zurück. Weiter und weiter ins Dickicht. Nach weiteren qualvollen Kilometern durch den Dschungel am Bach entlang hörte der „fucking Pfad“ einfach im Nirgendwo auf. Zu meiner Rechten ein Überrest an Fundament einer abermals bestehenden Brücke. Daneben ein kleinstes Holzschild mit einem weiteren Hinweis: „Danger – go back!“ Wieder mit Edding geschrieben. Dankeschön heiliger Jakobus für diese spürbare Lektion an diesem Tage. Aber nein und nein, ich kehre nicht um! Dann gehe ich lieber durchs Wasser. Gesagt und getan. Auf der anderen Uferseite wurde der Pfad auch nicht wirklich vergnüglicher. Manchmal möchte ich leiden … mein Tagesgedanke zu diesem Zeitpunkt.

Ich gelange nun wirklich ans Ende, das Ende meiner Kräfte und an eine Brücke mit Landstraße darauf. Mit dem Pfad ist nun endgültig Ende im Gelände. 5 Meter steilst hinauf zur Landstraße ein / mein Muss. Mir stellt sich immer mehr die große Frage, wo bin ich jetzt hier? Die Richtung ist gegen Westen, weiter weiter zu Fuß. Hoffentlich stimmt mein Gefühl für die Himmelsrichtung noch!? An der Landstraße entlang beruhigt sich mein Wesen und ich gehe, über welliges Gelände abwechselnd links und rechts am Bach entlang. Es ist ist beruhigend grün und waldig. Aus dem heiteren Nichts fange ich an zu weinen und lasse die Tränen einfach fließen. Was soll´s.

Dann tauchst du Mädchen vor meinem innerlichen Auge auf. „Wie soll ich mit gebrochenen Herzen weiter leben?“ Die Antwort kam prompt. Eine Stimme in meinem Kopf sprach zu mir … gehe weiter, weiter DEINEN Weg.

Nach einer gefühlten Unendlichkeit laufe ich einen Hügel hinab und erspähe das Kloster von Samos. Von 8 Uhr morgens bis 10:25 fühlte ich mich oft einsam und verloren. Jetzt ist wieder gut und der Glaube half beim Sieg über mein Leiden. Das Kloster ist schönst und in einer tollen Landschaft eingebettet. Gehe ich es besichtigen? Nach kurzer Überlegung nein, mein Magen knurrt verdammt noch mal ganz arg arg. Meine Batterie ist leer. Die Bergetappe vom Vortag macht sich zusätzlich bemerkbar, es ist heute einfach nur hart. Freude kommt nun auf, ein Einkauf ermöglicht mir viel frisches Obst, Kokussnussjoghurt und noch warme Backwaren.

Die Einfachheit der Freude schleicht sich zurück. Glücklichst mampfe ich die Nahrungsmittel und wünsche den jetzt vorbei kommenden Pilgern ein buen Camino. Am allerliebsten würde ich meinen scheiß Tag in die Welt hinaus tragen und ihn jedem erzählen … ich lasse es sein. Das Wetter ist besser geworden, zwar immer noch stark bewölkt und zusätzlich ein Nebelschleier an manch Wegstellen direkt am Bach. Mein Tag sollte erst in weiteren 20 Kilometern enden, dies zeigt mir das Aufschlagen des Buches. Nach 670 Kilometern Camino Frances nun mein Ende der missen Gedanken für heute!? Gehen und weitergehen so lange mich meine Füße tragen. Der Entschluss mich mit Musik zu versorgen wird zum weiteren Segen. Eine Begegnung steht an, dies schreibe ich nun ihm Wissen des Nachhinein. Ein Veganer – und Koch werde ich in ihn Sarria treffen, am Vortag hatten wir beide kurzen Kontakt über Facebook. Die Musik in meinem Ohr ist Techno, vor 20 Lebensjahren probierte ich mein Glück als DJ und kurz vor meiner Spanienreise tauchte doch tatsächlich ein Mixtape von mir bei einem lieben Freund im Zuge der Begegnung wieder auf. Es funktionierte – das Tape abzuspielen, es wurde digitalisiert und dröhnt hämmert in mein Ohr. Jawohl. Lustigerweise nannte der damalige DJ Keen Phunx die Kassette „Senior“ Was ist mit mir los an diesem Tage? Ich fühle mich sehr alt …

Mich spült es nicht nur planlos durch die Gegend, auch kommen Gedanken der Zweifel an meiner Person immer wieder hoch. Je weiter ich von dir Mädchen der Liebe weggehe um zu flüchten, je tiefer wanderst du in mein Herz. Bist präsenter den je.

Ich bin am Arsch und möchte etwas schlafen, dazu blasse ich meine Isomatte auf und pflanze mich nieder. Auch der Schlaf gelingt mir nicht, andauernd setzten sich irgendwelche Fliegen auf mein Gesicht. Bääääääähhhhh! Also zusammen packen und weiter die müden Knochen über den Camino bewegen. Die kühle Luft verschafft mir meine Wachheit zurück und etwas kann ich nun die Natur wieder genießen. Vereinzelt tauchen kleine Gehöfte am Weg auf. In der Ferne erkenne ich einen weiblichen Umriss sitzend.

Beim Ankommen dort sitzt da eine junge Frau an einer Mauer angelehnt und grüßt mich freundlich. Erst jetzt bemerke ich unsere 3. Begegnung an ein und dem selben, meinem schwarzen Tag. Anhalten kann ich nicht. Später wieder im Wald der Verwirrung hinterlasse ich einen Pfeil auf dem Camino, einen mit kleinen Ästen von mir gelegten. Keine Ahnung warum ich dies mache, intuitiv vielleicht?

Augenblicklich zeigt mir der Camino auf, dass ich nichts bestimmen kann. Mein Lebensweg gibt mir vor in welchem Tempo ich gehen kann, darf und vielleicht auch soll!?

Ich liebe es an einer Straße in einem Cafe zu sitzen und Cafe con Leche in mich rein zu schlürfen. Davon kann ich heute wirklich nur träumen. Heute ist ein anderes Programm dran, nähmlich Waschmaschinentag, ich fühle mich in einer großen Waschmaschine gefangen, dies im Schleudergang befindend und ich versuche mein Gehirngulasch anzunehmen, es zu akzeptieren.

Ich strande nicht in Sarria und pilgere tatsächlich doch noch bis Kilometer 690. In der Ortschaft Barbadelo kann ich mich nicht für eine der beiden Herbergen entscheiden. Zur Wahl steht Albergue O Pombal oder A Casa De Carmen.

Eine weitere Entscheidung steht an, ich kann mich wirklich nicht entscheiden und hoffe auf den Rat der gefundenen Münze. (das ½ Francstück soll mir die Entscheidung wiederholt abnehmen – doch es ist weg, im Geldbeutel nicht auffindbar)

Nach dem Luftflug der Ersatzmünze (ein 50 Cent Stück aus Portugal) folgt ein Fallen und seiner nun folgenden Entscheidung folge ich. Ich kann meinen eigenen Augen nicht trauen, die Münze steht und sagt wohl zu beiden Herbergen NEIN. Verrückter Tag auf dem Camino Frances.

Zur Albergue multicipale de Peregrinos für 6 Euro die Nacht habe ich Anhieb ein besseres Gefühl.

No Wifi und gut, ich kann Ruhe gut gebrauchen. Genau 30 Kilometer sind letztendlich doch noch gegangen worden. In Saint Jean Pied de Port bekam ich beim Erwerb des Pilgerausweises ein kopiertes Blatt Papier mit möglichen Tagesetappen ausgehändigt. An meinem Tag 22 und dem Ort hier steht auf dem Papier Etappe 30 von 34.

Eigentlich unwichtig und trotzdem arbeitet etwas in mir. Warum habe ich es so eilig? Ich möchte mich dem Anschein nach leerlaufen … jetzt eine Stunde chillen, waschen, Kleidung per Hand waschen und zum trocknen hinter dem Haus aufhängen. Internet frei tut gut. Keine unnötiges Einwirken auf mich nach diesem Tag.

In der Herberge abends treffe ich auf Vera aus den Niederlanden, sie ist denke ich um die 50 Jahre alt. Wir grüßten uns des öfteren schon an diesem bescheidenen Tag für mich. Nun begeben wir uns zum Abendessen in einer Lokalität etwas oberhalb der Herberge gelegen. Wenige Pilger hier und gutes Essen. Eine zweite Frau aus Italien sitzt mit am Tisch. Wir unterhalten uns mit Hilfe von Vera, sie spricht etwas Deutsch, fließend Englisch und auch etwas Spanisch, plus Italienisch. Eine lockere Atmosphäre mit und zwischen uns. In den Fugen der Natursteinwände stehen Münzen aus allen Herren Länder. Zuerst dachte ich sie seien dort angeklebt, nach Test durch mich wurde klar, sie stehen einfachst da in den tollsten Winkeln. Nach dem Verzehr und dem Abgeben der Essenreste der Damen an mich gibt’s Eis als Nachtisch. Welch Glück habe ich und werde bestens mit der Nahrungsmenge die ich nach dem Energieverlust des Tages brauche versorgt. Nach dem Bezahlen von 10 Euro für ALLES lade ich die beiden einige Meter entfernt zu einem Cafe ein. Ein kleiner Verkaufstand im Freien mit Fernsicht vom Hügel auf´s umliegende Land. Alles wurde super gut. Danke Camino und glaube die mir gestellten Lektionen begriffen zu haben. Es ist taghell um 22 Uhr und ich realisiere die letzten 100 Kilometer bis Santiago de Compostela rücken näher. Fühlt sich seltsam an, noch? Ich freue mich auf Finisterre – „Das Ende der Welt“ und die Sonnenuntergänge im weiten Atlantik. Der Luxus von einer Woche am Meer wird mir tolle Träume schenken, ist gewiss. Schluss für heute und gute Nacht!

Buen Camino & ultreia 🙂 

Pilger Kai ❤

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