Tagesabschnitt 4 – von Puente la Reina nach Villamayor de Monjardín (Teil 2)


Aufgewacht, die Sonne lacht mir mitten ins Gesicht, langsam aber gemütlich verschwindet das Frühstück im Margen und die Verdauung setzt ein. Nach dieser Pause nimmt mein Pilgerfreund mit mir gemeinsam wieder den Weg in Angriff. Die beiden Mädels aus Belgien sind noch mit ihrer Nahrungsaufnahme beschäftigt, wir lassen sie zurück, dass die Beiden einfach für uns verschwinden werden, wir sie nicht mehr wiedersehen werden wusste vielleicht der heilige Jakobus zu diesem Zeitpunkt, wir jedenfalls nicht. Obwohl die folgenden Landschaftsabschnitte perfekt zum anstauen sind, klafft eine große Lücke hier in meinem Tagebuch. (ich wundere mich etwas weil ich noch Bilder im Kopf dazu habe)

Gleich wird es mir klar, wenige Zeilen Später kommt ein aussagekräftiger Grund diesbezüglich, es gab einen großen Störfaktor. Die Autobahn am Camino entlang oder umgekehrt. Lärm und Abgase die Geschenke an die Pilger hier.

Nach 22 Kilometer über steinige trockene staubige Pisten taucht Estella in der Ferne auf, hier vor dem Ortseingang stinkt es gewaltig. Eine Mischung aus Chemie und Kloake. Die Stadt wirkt an sich schön mit tollen gepflasterten Gassen. An deren Seiten links und rechts steinalte Häuser, eine Reise auf dem mittelalterlichen Jakobsweg beginnt. Auf unserer Rechten ist der Río Ega in Estella. Insgeheim wünsche ich mir ein Bad darin, der Sommer grüßt uns. Es ist Zeit für eine Pause, wir befinden uns sogleich in einer günstige urigen Bar. Jeder trinkt 2 feinste Cafe con Leche zu 2,20. Ach ja, wir reden gerade nicht wirklich viel miteinander obwohl wir unsere Zeit miteinander teilen.

Der Tag ist lahm und die Pilger mit ihren Freundschaften und den Begegnungen dazu auch. Vanessa eine junge deutsche Lehrerin auf einer Grundschule renne ich beim Verlassen der Bar fast um. Der Zusammenstoß ist noch mal aus weichlich. Wir lachen lautstark darüber und sprechen ein paar Worte miteinander, schließlich sehen wir uns zum dritten mal innerhalb der letzten 2 Tage.

Ich liebe diesen Camino mit seinen Geschichten. Meist trifft man sich mehr als einmal. Mit dem Pilgergruß geht es nun für mich und meinen Niederländer zum einkaufen in einen kleinen Laden. Kalte Getränke und Obst für die große Mittagspause. Dazu überqueren wir den Fluss und pflanzen uns in den Schatten eines Baumes auf einer kleinen Grünfläche. Beim Schuhe und Socken ausziehen dann der große Schreck. Die Wunde blutet, der linke Socken hat einen großen roten Fleck, das Blasenpflaster hat sich mit samt Blasenhaut komplett gelöst. Ob es für mich noch weiter geht, gehen wird!? Mir wird ganz arg bange ums Herz. Ist mein Camino bald zu Ende!?

Mit Hilfe der Nagelschere entferne ich die letzten Hautfetzen der ehemaligen dicken Blase unter dem linken Fuß. Als zweiter Schritt desinfiziere ich meine Wunde.

Nach der notdürftigen Versorgung meiner Wunde trinkt der verletzte Pilger fast auf einmal einen kühlen Liter Orangensaft und dann kurzzeitig schlafen ist der nächste Plan. Die Sonne zeigt ihre ganze Kraft, selbst im Schatten liegend schwitzen wir. Zweieinhalb Stunden später ziehen wir unser Schuhe wieder an, ich bemerke ein schmerzhaftes Brennen unter der Fußsohle. Nicht gut, es fühlt sich scheiße an.

Das Tagesprofil bis hierher war bereits sehr wellig, Hügel rauf und Hügel wieder herunter. Die Orte Mañeru, Cirauqui, Lorca, Villatuerta und Estella sind bald Geschichte auf dem Jakobsweg. Angedacht sind weitere 8 Kilometer hinauf nach Villamayor de Monjardín. Jeder Schritt ist ein Gang durch die Hölle. Fragen schießen mir durch den Kopf:

  • Wird sich die offene Wunde entzünden?
  • War das mein Jakobsweg durch Spanien?
  • Einen Pausentag jetzt schon einlegen?
  • Einen Arzt aufsuchen?
  • Hilft die Bachblüten Rescuecreme weiter?

Ich beschließe weiter zu gehen und es einfach zu versuchen. Immer wieder tränke ich meinen Hut mit Wasser um die Birne zu kühlen. Ein klarer Kopf ohne Gedanken ist etwas anderes, eine mentale Herausforderung, die ich noch annehmen kann. Nach einer guten weiteren Stunde gehen steht das Weingut beim Kloster Irache vor uns, oder wir vor ihm. Vom Weinbrunnen erzählten uns die beiden Pilgermädels aus Belgien. In meiner Vorstellung sah ich scharenweise Pilger am Wein trinken vor mir. Aber keiner außer wir war noch hier. Zu diesem Zeitpunkt lese ich mal im Reiseführer die Infos darüber nach. (jetzt beim schreiben hier hilft mir Wikipedia noch obendrein)

„ Das Kloster Santa María la Real de Irache (spanisch Monasterio de Santa María la Real de Irache), Kurzform Kloster Irache, ist ein ehemaliges Benediktinerkloster nahe der Kleinstadt Estella in der nordspanischen Provinz Navarra. Es liegt am Camino Francés des Jakobsweges und war im Mittelalter eine wichtige Pilgerherberge.“

„Direkt neben den Klostergebäuden befindet sich die Weinkellerei Bodegas Irache. Das ehemalige Klosterweingut hat mit Verweis auf die Tradition benediktinischer Gastfreundschaft, die es fortführen will, an diesem Ort eine „Fuente del Vino“, einen „Weinbrunnen“ installiert. Er ist auch unter dem Namen „Fuente de Irache“ bekannt und wird in deutschsprachigen Veröffentlichungen teilweise auch als „Weinquelle“ bezeichnet. Bei dem „Weinbrunnen“ handelt sich um zwei über einem Becken angebrachte Hähne – ein Wasserhahn, einer für Rotwein –, an denen sich besonders die traditionellen Pilger zu Fuß, Pferd oder Fahrrad kostenlos mit Trinkwasser oder einem Schluck Wein aus Irache stärken und erfrischen können sollen.

Die Weinkellerei stellt für diesen Zweck täglich 70 Liter Rotwein zu Verfügung und bittet um moderaten Genuss; dennoch gehen an Sommertagen und am Wochenende nachmittags viele Pilger leer aus. Das Unternehmen Bodegas Irache wurde nicht zuletzt durch ihren „Weinbrunnen“ bekannt, der jenseits der freundlichen Geste wohl eines der wirksamsten Marketinginstrumente entlang des spanischen Jakobsweges darstellt.“

Da ich seit Mai 2015 eine bewusste Alkoholpause einlege, vergnüge ich mich unter der Webcam am Wasserhahn. Holland trinkt ein paar Schluck kräftigen Rotwein, dann geht er auf Kloster Entdeckungstour und knipst einige Fotos. Mein Fuss schmerzt im stehen so sehr das ich ihm Zeichen gebe und weiter humple. Er wird mich bald wieder einholen ist mir gewiss.

(Fortsetzung folgt)

Buen Camino & ultreia 🙂

Pilger Kai ❤

 

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s