Tagesabschnitt 4 – von Puente la Reina nach Villamayor de Monjardín (Teil 1)


„Der Camino lehr uns Pilger einiges unter anderem immer wieder auf´s Neue das Loslassen. Loslassen von Menschen. Loslassen von Gedanken, loslassen von Gefühlen.
Er lehrt uns das verzichten, er lehrt uns das Leiden, er lehrt uns den Glauben und das Vertrauen. Er gibt uns was wir wirklich brauchen. Der Camino ist das Leben kompakt auf einem Weg nach Santiago de Compostela gepackt.“

Der Sonnenaufgang auf der alten Brücke hinaus aus Puente la Reina ist fantastisch, hier vereinigen sich der aragonesische und der navarresische Zweig des Jakobsweges, der nun gemeinsame Weg überquert den Fluss Arga über die gleichnamige Brücke. Nach einer Laufzeit tut sich mein Fuß bemerkbar machen, die Blase scheint trotz Blasenpflaster weiter aufzugehen. Erneut gleich wieder anzuhalten und den Mist am Fuß anzuschauen kommt nicht in Frage. Der Tagesabschnitt soll uns beide nach Villamayor de Monjardín führen. Das wird ein sehr anstrengender Tag, mental und körperlich, auf den letzten 8 Kilometer geht es auf 700 Meter über dem Meer noch hoch. Beim gehen verliere ich heute ständig meine Mitte, schweife ab in die Vergangenheit und in die Zukunft. Dabei ist die Vergangenheit vergangen … dies steckt doch im Wort drin. Zukunft ist für jeden unabsehbar und wahrlich einfach zukünftig. Ich denke viel über meine Schreiberei nach, träume vom ersten Buch zu veröffentlichen, dies Meter für Meter. Vor meiner Abreise nach Frankreich ist die erste Ausgabe meines bis dato Onlinebuches „Der Bodensee immer links.“ über sechzig mal auf Facebook geteilt worden. Von einem ehemaligen Klassenkameraden kam eine persönliche Nachricht diesbezüglich zu mir. Im groben gab er wieder, dass er es wirklich alle Erzählungen gelesen hat und dies obwohl er kein Leserate ist. Schönst!

Mit meinem Pilgerfreund aus den Niederlanden läuft der Tag im gehen sehr gut. Wir laufen zwar nicht ein einheitliches Tempo, vielleicht liegt es an unseren Persönlichkeiten, jeder von uns führt eine Zeit lang und gibt damit das Tempo vor. 2 Leader und ein antreiben zum Tagesziel. Er ist 54 Jahre alt und gut durchtrainiert. Die Hitze klatscht uns ab. Die Landschaft begrüßt jeden Pilger mit Schönheit und ist wirklich sehr abwechslungsreich. Ein sehr welliges Profil mit vielen Feldern am Wegesrand. Immer öfters tauchen alte Dörfer auf den Anhöhen der Hügel auf, in mir empfunden als Toskana von Spanien. Die beiden Mädels aus Belgien starteten ihren Pilgertag um kurz nach 6 an der Brücke Arga in Puente la Reina, wir holen sie gerade ein. Nach der Begrüßung und dem Freude teilen über das Wiedersehen verabschiede ich mich. Die ganze Zeit fragte ich mich zum Thema Klopapier und warum hat der Kai eine ganze Rolle mit dabei!? Jetzt bin ich froh darum und hinterlasse Spuren an einer Brombeerhecke, eine wirkliche akute Notdurft.

Weit sind die Mädels nicht gekommen, sie sind beide mit viel Gewicht unterwegs. Zelt, Kocher usw. Im Anstieg nach Mañeru sind vier zu viert wieder vereint und wieder sehe ich die Toskana vor meinem inneren Auge. Welch Ähnlichkeit der Landschaft. Im Ortskern finden wir unsere Nasen in einer kleineren Bäckerei wieder, Frühstück und Pilgertreffen. Viele glückliche neue Gesichter stehen und sitzen hier herum. Eine Australierin klagt und zeigt ihr Leid, die Wanderstiefel hängen am Rucksack und ihre Verletzungen an den von Sandalen getragenen Füssen ein Meer an Blasen. Hilfe so was habe ich bisher in dieser Form gar nicht gesehen. Obendrein die textilfreien Körperstellen röter wie jeder Indianer. Ich möchte nicht mit ihr tauschen, doch ich lautes Gejammer möchte ich auch nicht hören. In deinem Alter von geschätzt 50 Jahren hast du ein paar Lektionen nicht begriffen. In deinem Herkunftsland ist Sonnencreme mit Lichtschutzfaktor 50+ Standard, hier in Spanien auf dem Camino für dich wohl nicht. Für mich gibt’s hier auch eine Lektion, die ich begreife, abschotten und den eigenen Raum schützen. Ein paar Schritte in Entfernung finde ich meine Ruhe und koste mein gekauftes Frühstück nicht mehr nur mit der Nase.

(Fortsetzung folgt)

Buen Camino & ultreia et suseia 🙂

Pilger Kai mit ❤

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5 Gedanken zu “Tagesabschnitt 4 – von Puente la Reina nach Villamayor de Monjardín (Teil 1)

  1. Salut Kai,
    diese Loslassen beschäftigt mich in meinem Leben ja auch immer wieder, ich habe ja mal geschrieben ob zwei Loslassen ein Festhalten ergeben und das Loslassen immer einen polares Festhalten benötigt.
    Wenn ich mir sage, ich lasse jetzt los, halte ich mich am loslassen fest.
    Das wahre loslassen findet statt, wenn wir es belassen, es nicht anfordern, es nicht suchen, es nich erzwingen wollen, es nicht erbitten.
    Wir merken es gar nicht, es bleibt einfach auf unserem Weg liegen.
    Wenn wie denken, jetzt haben wir aber etwas losgelassen, dann ist ist schon der Gedanke ein festhalten, möglicherweise an einem Glücksgefühl, welches uns die Freude über das Loslassen beschert und ich muss mich fragen, wer freut sich da, ist es mein Ego?

      1. Vielleicht sollten man auch das Festhalten nicht negativ bewerten, alles hat ja seinen Sinn.
        Das Sein lassen ist bedeutet womöglich auch ein Festhalten, denn ich vermeide eine Handlung.

        Die auch ein hoffentlich sonniges WE👍

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