Pamplona und die Wollsocke. (Teil 4)


… ganz viele Fragen mit dem berühmten „W“ kommen auf …

„Wo schlafe ich heute Nacht?“
„Wie komme ich an meine Wollsocke wieder ran?“
„Warum passiert mir das gerade?“
„Werde ich meinen Weg weiter gehen können?“
„Wird meine Socke noch da sein, wenn ich einen Weg in den Graben gefunden habe?“

Nun sitze ich immer noch auf der Mauer der Zitadelle in Pamplona, meine Socke tief unten im Graben liegend. Keine Ahnung wie lange ich ratlos hier herumsitze und fragend in die Gegend starre. Mensch Kai, reiß dich endlich zusammen und suche einen Weg darunter in den Graben !!!
Zwei Paar der dicksten Merino Wollsocken sollen mich weiterhin gut begleiten auf dem Weg durch den Nord-Westen Spaniens. Nach langer Zeit des Umschauens, mit den Augen suchend, entdecke ich endlich eine Möglichkeit nach unten in das Grabenlabyrinth zu gelangen. Eine Treppe in der Ferne ist wahrscheinlich mein Zugang nach unten. Ich packe meine Sachen, binde meine Stiefel an den Rucksack und versuche den Weg in Flipflops wieder aufzunehmen. Der Weg führt mich die Treppe vom Mauerplatz hinunter, dann durch zwei Tore und über zwei Brücken. Endlich wird humpelt die Stelle des Abgangs von mir erreicht, jeder Schritt tut unglaublich weh. Die Blase unter dem linken Fuß ist verdammt groß und sehr wahrscheinlich geht durch diesen ungewollten weiteren Spaziergang die Blase auf!? Schritt für Schritt bewege ich mich langsam die Stufen in den Graben hinunter …

Irgendwie geht es in die richtige Richtung zur Wollsocke, dies erst scharf nach links von der Treppe aus und dann an der langen Steinmauer entlang. Auf halber Strecke begegnet mir eine kleine Asiatin, sie schleicht auf der anderen Seite der Grabenmauer umher. In einer Hand trägt sie eine Plastiktüte und mit ihrer zweiten Hand pflückt sie Löwenzahn von der Wiese im Graben. Auf meinen Gruß reagiert sie schüchtern, ohne Worte, ihre Erwiderung ist ein verschmitztes Lächeln. Dann entfernen wir uns voneinander, sie in Richtung Treppe von der ich kam und ich an der Mauer entlang in entgegengesetzte Richtung zur Ecke vor, wo ich oberhalb davon auf der Mauer saß und ein Windstoß mir die Socke nahm. Mein Rucksack wird gefühlt immer schwerer, diese Last nach 35 Kilometer als Pilger und die Strecke durch Pamplona noch obendrauf. Nach weiteren 50 Meter mit Schmerzen unter dem Fuß bin ich da und freue mich auf das Wiedersehen mit meiner Socke. Doch mein Socke liegt nicht mehr da! Weit und breit keine Spur von ihr. Scheibenkleister. Ich bin mit zwei Paar je 30 Euro teuren erprobten Wandersocken losgezogen um dadurch Blasen zu vermeiden. Jetzt habe ich ein dickes Problem mit einer dicken Blase und meine verschwitzte Socke ist geklaut.

Mir schießt eine Vermutung durch den Kopf. „Ich traf hier niemanden außer der Asiatin, die, die gerade hinter mir verschwindet, kann das wahr sein !?“ Ein Pilgerspruch wird zu meiner augenblicklichen Wahrheit … „no pain – no glory!“
200 schmerzvollste Meter im Spurt der Socke hinterher, durch´s joggen mir Rucksack auf den Schultern wirft es mich fast manchmal um. Nachdem ich sie tatsächlich einhole und auf Englisch nach meiner Socke frage, kommt keine Antwort zu mir. Sie grinst einfach wieder los. Ich lasse nicht davon ab, nehme ihr in langsamer Bewegung ihre Plastiktüte aus der Hand und durchsuche ihren frisch gepflückten Löwenzahn. Verdutzt schaut die Asiaten der Begebenheit einfach zu. Nätürlich finde ich meine Socke nicht bei ihr, oh mein Gott … diese Peinlichkeit grenzt an nacktem Wahnsinn. Selbst meine Entschuldigung versteht sie sprachlich nicht, was mag sie wohl über mich jetzt denken ???
Ich lasse los und gehe zurück an die Ecke der verschwundene Socke. Meine nächste Frage zum Schlafplatz fällt mir jetzt wieder ein. Ich geh ums Eck und der Mauerwand weiter folgend auf meiner doppelten Suche hier in der Zitadelle zu Pamplona. An der kommenden Ecke angelangt werde ich wacher und vermisse einen kleinen Teich mit Enten den ich von oben auf der Mauer sah. Weitergehe und rechts haltend zeigt sich unvermutet der kleine Teich. Jetzt geht mir ein Licht auf – Punkt. In ganzen Wirr meiner Weges, meiner Wunde, meiner totalen Müdigkeit und meines (jetzt) Gewissens zum Verlaufen im Labyrinth, landet der Kai 2 Ecken weiter an der korrekten Stelle und siehe da, auch die Socke ist noch da. HURRA.

Dann nochmals etwas weiter im Labyrinth bis zu einer Parkbank. Aller Ballast wird abgelegt, der körperlich in Form des Rucksack mit Zelt usw. und der seelische Ballast wird im Tagebuch gleich nieder geschrieben. Nachdem es jetzt stockdunkel geworden ist, ich die letzten Jogger und Hundebesitzer verabschiedet habe, die Zähne geputzt sind, mein Körper notdürftig gepflegt ist. Gute Nacht hier unter einer alten Steinbrücke zu Pamplona. Die Luftisomatte trägt mich in den verdienten Schlaf. Nach dem Ansehen meiner Ängste und den ganzen weiteren wirren Fragen in meinem Kopf lande ich zurück im Gottvertrauen.

(Meine größte Angst war damals meinen Weg nicht weitergehen zu können)

Fortsetzung folgt!

Viel Spaß und Freude am lesen & buen Camino 🙂

Pilger Kai ❤

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