Pamplona und die Wollsocke. (Teil 1)


Es ist der Morgen am 01. Juli 2015 und ich wache gerade in meinem Zelt auf. Draußen ist es taghell und es wird sicherlich auch heute ein schöner Tag mit viel Sonnenschein. Nachdem ich aus dem Zelt heraus gekrabbelt bin und den Tag richtig begrüßen darf, erspähe ich keine einzige Wolke hoch oben am Himmel über mir. Draußen im Aufwachprozess auf einem Strohballen neben dem Zelt liegend, erreicht mich eine neue Erkenntnis und zwar: „Ich darf der Welt nicht ninterherlaufen, ich darf mein eigenes Tempo auf meinem Weg gehen!“ Die Geschenke kommen dann von ganz alleine zu mir. Am Vortag startete ich meinen Camino in Saint-Jean-Pied-de-Port und übernachtete nicht im alten Kloster von Roncesvalles. Viele der Pilger überqueren die Pyrenäen nicht an einem Tag und teilen die 1350 Höhenmeter auf, zuerst acht Kilometer steil bergauf bis nach Orisson, dann Nachtruhe und am darauffolgenden Morgen weitere 19 Kilometer bis nach Roncesvalles. Es ist schon eine knackiger Anstieg und eine lange Distanz vom französischen Teil des Baskenlandes bis zum spanischen Teil. Jetzt gerade kommen die Frühaufsteher hier vorbei, ich zelte in etwa bei Kilometer 35. Die Digitalkameras werden gezückt und der Pilger Kai wird liegend an seinem idyllischen Platz digital festgehalten.

Gegen 8 Uhr sind meine sieben Sachen im Rucksack verstaut und weiter geht mein Abenteuer auf dem Camino. Schattige Buchenwälder und Nadelwälder durchstreife ich auf schmalen und breiten Wegen. Herrliche Gegend hier das Baskenland. Meine Begleitung durch den Vormittag ist Vogelgesang und Grillengezirpe, wenige Pilger hole ich von hinten ein. Die Meisten sind schon lange unterwegs und begehen ihre eigenen Wege. Zeit und Raum verliert an Bedeutung. Wunderbar.

Um zwanzig nach elf begehe ich den Ort Zubiri. (km 49) Ein Wiedersehen mit einem Seelenpartner, der Deutschen vom Vortag. 22 Jahre verheiratet und alles ist futsch. Der Weg erzählt mir noch wenig über seine Geschichte, die Menschen die ich treffe schon. Schon heftig nach einem Suizidversuch wieder zurück ins Leben zu kommen und ein Jahr danach sich wieder gleichermaßen scheiße zu fühlen, dann festzustellen: „Ich könnte wieder in eine Therapie!?“ Plötzlich kommt ein Wunder und der Weg ruft einen zu sich, sie hat innerhalb von 4 Tagen alles auf die Reihe (so gut als möglich) bekommen und steht nun neben dem Mann mit auch einem gebrochenen Herzen. Sie schütte ihr Herz aus und seltsamerweise tut es mir gut zu zuhören und auf beidseitige Heilung zu hoffen. Unsere Wege trennen sich, es passt nicht vom Tempo und auch sonst wird es mir unangenehm. Der Punkt ist erreicht, an dem ich Jammern nicht mehr hören kann. Ich will gehen und ich gehe davon. Buen Camino. Wir trafen uns nicht mehr wieder und meine besten liebsten Wünsche sind bei ihr!!! Nun stoße ich auf eine Dänin, sie ist um 5:20 losgegangen. Ich halte sie für verrückt und begreife den Sinn dahinter nicht, gar nicht. Der Sonnenaufgang ist im Rücken und viel später hier in Spanien. Die Sorgen um einen Platz in einer Herberge habe ich dank Zelt nicht. Sie ging mit einer Belgierin los und auch diese Verbindung funktionierte leider nicht. Sie hat auf ihrem Camino von Anfang an heftige Leistenprobleme, uiii. Dann lerne ich etwas eine Deutsche kennen und sie wird von ihrem Übergewicht geplagt. Ein Spanier kommt hinzu und quasselt uns beide voll, nur wir verstehen ihn nicht. Mit einfachen Worten in Englisch versucht der Kai uns drei in eine Kommunikation zu führen. Gelingt nicht. Jetzt glaube und fühle ich mich im größten Irrenhaus der Welt wiedergefunden zu haben. Buen Camino und herzlich WILLKOMMEN. Alles abenteuerlich, geil, gut gefühlt, die Balance zwischen Körper und Geist grandios.

Einsam die Wege gegangen, nicht alleine, erreiche ich um 13:50 Larrasoaña. Unter einem Baum im Schatten sitzend begegne ich einem Texaner, ihn hatte ich zuerst auf den letzten Metern in den spanischen Ort überholt. Er kommt auf mich zu und meint zu mir:

„you’re the first pilgrim who has actually overtaken me on this day!“

Dann bietet er mir gleich eine Facebookfreundschaft an! Ich versuche ihm zu erklären, dass ich gerade keinen Bock auf Internet habe und auf dem Weg ankommen möchte. Der Typ ist komisch und zum großen Glück sehe ich ihn nie wieder. Ich sträube mich weiterhin Englisch zu sprechen, zu schlecht mein Gefühl zu den meinigen Qualitäten diesbezüglich. Ein weiterer Pilger gesellt sich zu uns in den Schatten des Baumes und eine erneute Runde Englisch folgt auf den Hut. „Der Schotte“ kommt in mein Caminoleben, das er mich bis ans Ende der Welt verfolgen wird … liegt in weiter Zukunft. Namen kan ich mir grundsätzlich beim ersten Begegnen nicht merken. Seine E-Kippe feuert ihm Nikotin in die Blutbahn. Auch er ist um kurz nach fünf die ersten Meter Jakobsweg gegangen, welch Start mitten in der Nacht. Unbegreiflichst für mich und den Weg mit der Stirnlampe suchen ist ein Wahnsinn. Beide lasse ich zurück, hinter mir und ich gehe, gehe weiter meinen Weg. Nach den ganzen vielen lebhaften Momenten im JETZT, im Augenblick des Kontaktes mit der Natur, den Menschen, der Magie des Weges … meldet sich mein Herz.

Es schreit, es flucht, es pocht, es spricht … und ich sehe DICH.

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