Ankunft am Ende der Welt in Finisterre. (Teil 2)


Jetzt liege ich hier auf meinem Bett in der Albegue Mar De Fora und draußen am Ende der Welt pisst es aus allen Eimern schon den ganzen bisherigen Tag. Emotionslosigkeit schafft sich Raum in mir und macht sich breit. Nach etwas an Ausruhzeit beschließe ich in den Ort zum Cafe con Leche trinken zu gehen. Im Nieselregen treffe ich tatsächlich auf meine neu gewonnene kleine Schwester aus Litauen. Ich weiß gar nicht mehr richtig, wie lange wir uns nicht mehr gesehen haben. Es tut gut und ich führe sie in die Herberge um dort einzuchecken. Danach laufe ich im Nieselregen beharrlich und etwas mit Freude im Herz alleine zurück in den Fischerort Finisterre. Unten an der Bushaltestelle steht die Pam aus Südafrika und wartet auf ihren Bus zurück nach Santiago de Compostela. Wow und ich freue mich jetzt tierisch über den Zauber des Weges, der Regen ist schlagartig nebensächlich und vergessen. Sie stand eines Tages alleine auf einer Anhöhe und bestaunte die tolle Landschaft um sich herum. Als ich damals zu ihr stieß begrüßte Pam mich mit:

„I am glad that you now come around and I can share the beauty landscape!“

Wir versuchten dann den Camino an diesem vergangen Tag gemeinsam zu gehen, dies funktioniert überhaupt nicht und wir ließen es dann sein. Das lustige und magisch schöne sind die Begegnungen auf dem Weg nach Compostela. Bis zu unserem Wiedersehen am Ende der Welt traf ich auf andere Pilger die sie auch kannten und somit hatte ich die Chance mehr über sie zu erfahren und dies wahr dann auch genau und so. Pam ist gerade in Rente gegangen und und möchte ein Südafrika verlassen um in Großbritannien ein neues Leben zu beginnen. Ihr Camino Santiago hatte die Funktion als Übergangsbrücke, ach wie schönst! Jetzt lagen wir uns in den Armen und herzten uns gegenseitig. Ihr Bus kam und der Abschied folgte mit dem Pilgergruß: „Buen Camino!“

Nach meinem intuitiven Ausflug und dem geliebten Kaffeegenuss ging ich zurück in die Herberge und berichtete meiner kleinen Schwester das Erlebte. Sie staunte nicht schlecht, bewegte sich in die Küche und kam mit Schockkeksen und einem selbst gebrüten Kaffee zurück, natürlich auch einen für mich. Ich liebe sie und wie gerne hätte ich eine leibliche Schwester gehabt … der Austausch und das etwas verstehen lernen des anderen Geschlechtes, da kann eine Schwester wohl helfen. Sie ist nach ihrer Ankunft in Finisterre ziemlich müde an diesem mittlerweile späten Nachmittag und sie legt sich etwas schlafen. Mich zieht es nicht zum Lighthouse Faro, nein, zum Hippiestrand ruft mich meine innere Stimme. Mein grobes Ziel von unterwegs wurde eine Woche Zelten am Meer und Mediation üben im Sonnenuntergang. Ob dem wohl so SEIN wird!!!??? Erst beim gehen erfuhr ich das in Galizien es mehr als an 200 Tagen im Jahr regnet. Zu Fuß und mit Flip Flops an lief ich den kurzen Weg über die Hügelkuppe zum geilen Strand an der Costa da Morte. Wie kann es nicht anders sein an diesem Tag der Begegnungen? Ich laufe in die Arme meiner zwei jungen Polen, diese beiden lustigen Typen traf ich an meinem ersten und einzigen Ruhetag im wunderschönes Hontanas. Damals teilten wir uns ein Zimmer und machten gemeinsam Siesta, ich stand nach einiger Zeit wieder auf und bewegte meinen Allerwertesten im Ort herum, die beiden wollten etwas chillen und wachten erst kurz vor 22 Uhr wieder auf. Der erste Gang nach dem Aufstehen … an die bar und ein schön gekühlter halber Liter Bier in die Segel rein pfeifen. Trotz dem Scheißwetter stand ihr Zelt unten am Strand und ihr Weg führte zur Begegnung mit mir, auf ihrem Weg zum Supermarkt um Wein einzukaufen. Buen Camino.

Barfuß im Sand schalten sich meine sieben Sinne ein und ich nehme das Meeresrauschen ganz neu wahr. Fantastisch. Keine 10 Leute am ca. 500 Meter langen feinen Sandstrand. Die Wellen brechen herein in die Bucht der Hippies von Finisterre. Ich liebe diesen Strand gleich und sofort, mein Herz ist dort angekommen. Unerwartet und plötzlich überraschend bekomme ich einen Stich ins Herz. Meine ehemalige Affäre taucht bildlich vor meinen geschlossenen Augen auf. Ich sitze im feinen Sand und fühle sie neben mir, die Brise Salzwasserluft angekommen in meinen Nasenflügeln. Schreckhaft öffne ich schlagartig meine Augen und schreibe ihren Namen in den Sand vor mir. Ich knipse ein Foto und sende es am Abend ihr. (ohne eine folgende Reaktion von ihr)
Ich weiß nicht mehr wie lange ich mich im Sand am Meer und knöcheltief Wasser des Meeres dort aufhielt. Am Abend treffen sich die Weggefährten im Hafen von Finisterre zum gemeinsamen Abendessen und der Kai mittendrin und auch dabei. Einige neue Gesichter finden sich an der Tafelrunde wieder. Tolles essen und ich bereue etwas, dass mir der Geschmackssinn zu den Meeresfrüchten fehlt. Man kann nicht alles im Leben haben bleibt meine nüchterne Einsicht. Die Zeit spielt keinerlei Rolle und doch vergeht sie im Fluge. Einige von uns Pilger sind ziemlich müde und wandern nur noch ins Bett. Die Anderen beschließen noch einen Trink in einer Bar zu sich zu nehmen und ja, ich auch. Auf dem Weg dorthin treffe ich Stefan, den veganen Koch aus Deutschland, der auf seinem Camino oft in den Herbergen vegan für die Pilgerfreunde aus der ganzen Welt gekocht hatte. Seine damalige Freundin überraschte ihn und flog von Hamburg nach Santiago und gemeinsam fuhren sie mit dem Bus ans Ende der Welt. Wir tauschen Telefonnummern aus und der Plan war ein letztes gekochtes veganes Essen am nächsten Abend. Ich hatte richtig Bock drauf … nur leider kam es dazu nicht!

Zurück in der Herberge traf ich wieder einen tollen Menschen, diesmal beim Rauchstopp im Regen davor. Hehe, mein Tag der Begegnungen am ersten Tag am angelangt am Ende der Welt. Ein lieber Schweizer aus Zürich, auch dort vor 3,5 Monaten gestartet. Die meisten Leute sind um 23 Uhr zum pennen in ihre Stockbetten geschlichen. Wir sind noch hellwach und unterhalten uns über das Wandern. Wirklich eine interessante Persönlichkeit, ein Heavy Metal Fan durch und durch …
Bei seinem Antritt in der Kathedrale zu Compostela trug er ein T-Shirt mit drei Aufschriften im Brustbereich. Zwei davon bekomme ich leider nur noch auf die Reihe …

  • Exorzismus
  • Hexenverbrennung
  • ???

Auf der Rückseite stand: „Die Partys der katholischen Kirche!“
Ich weiß, für den ein und anderen sehr makaber. An allem ist etwas Wahrheit dran …
Nach dem Reingehen und landen an einem Tisch mit zwei deutschen Mädels wurde meine Laune deutlichst schlechter. Lautstark und im Suff Gespräche der Zweien hübschen Frauen über, habe ich ab- oder zugenommen!? Stehen mir kurze oder lange Haare besser!? In meinem nüchternen Zustand konnte ich es nicht annehmen und dachte mir eine einzige Frage dazu aus … ihr seid den Jakobsweg gegangen und habt die Identität von Zuhause nicht verloren????????? Man trifft als Pilger Menschen von rund um den Globus, man kennt sie nicht und erst recht nicht ihre Vorgeschichten. Dann hat Frau noch Raum für Banalitäten!?

„Habt ihr einen Pilgerstock im Arsch!“ SORRY. Was für ein Bullshit und ohne Tiefe. Gute Nacht. Ich verkrümle mich ins Stockbett. Das zu Nacht gehen ein / mein Alptraum und genauso wurde diese Nacht auch. Fenster auf und Fenster zu … das Spiel begann von neuen. Handys leuchten durch die ganze Nacht mit Licht im Display. Frauen schnarchten lauter als ich. Ein Gefühl von Knastleben kam auf. Meine Luftbett ist kaputt und das Wetter ist schlecht. Was tun? Schlafen und sein lassen. Ich schlafe tatsächlich noch ein und sogar bis 9 am darauffolgenden Morgen.

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