Gewitter ohne Stein – Freitag auf Samstag, den 04.07.2015


Ein seltsamer Start in den neuen Pilgertag. Irgendwie bin ich total verballert. Letzten Abend bin ich gerade unter freiem Himmel eingeschlafen, da weckt mich mein Begleiter aus Holland und zieht mich zurück ins Wachsein. Meine Gedanken, Gefühle, der bisherigen Tage auf dem Camino Frances ließen mich nicht gut einschlafen. Es schreit förmlich nach Verarbeitung meines Lebens bis dahin, die Sehnsucht zu der Frau in meinem Herzen, die der letzten 2 Jahre. Die neuen Momente auf dem Weg zu sich selbst … alles braucht Zeit, die Zeit zum verarbeiten des Erlebten. Mir kommt der Jakobsweg als großartiges Geschenk gerade vor, seinem Ruf folgend entdecke ich nicht nur Spanien zu Fuß, ich entdecke mein Wesen mit allen dazugehörigen Schattenseiten ganz neu. WOW!

Mitten im Aufwachprozess in dieser tiefen Nacht weht uns beiden ein heftiger Wind um die Nasen. Reaktion, gepaart mit Aktionen dies mitten in der Nacht. Zelte aufbauen ist schnellst möglich angesagt. Ein Unwetter kommt auf uns zu. Sogleich donnert es laut und die ersten Regentropfen prasseln auf uns nieder. Der Boden ist sehr hart und die Heringe der Zelte wollen nicht in den Boden. Die Wanderschuhe mit Funktion als Hammer erweisen sich ungeeignet. Fuck.

Steine suchen der nächste Plan … also los die Stirnlampe auf den Schädel und ab, ab auf´s Feld.

Mit den nicht gleich gefunden Steinen klappt der Zeltaufbau dann doch. Endlich Ruhezeit und Nachtruhe.

„Lieber Kai merke dir bitte, beim nächsten Versuch unter freien Himmel mit Blick auf die Milchstraße zu schlafen, suche zuvor einen geeigneten Stein und lege diesen welchen in greifbare Nähe deines Schlafplatzes!“

Nun am nächsten Morgen des 04.07.2015 weckt mich mein Pilgerfreund um 7 Uhr morgens erneut. Sein Zelt ist abgebaut, alle seine Sachen sind bereits gepackt, sein Rucksack schultert er gerade auf. Er verabschiedet sich ohne Vorankündigung von mir. Wir hatten eine gute Zeit zusammen auf dem Camino und jetzt im noch Halbschlaf frage ich mich: „Warum flüchtet er?“

Ich habe keine Ahnung und fand / empfand die Zeit mit ihm in meiner Anwesenheit toll. Ich habe wirklich keine Ahnung was gerade passiert und los ist. Er wünscht mir: „Du Kai, ich wünsche dir die Begegnung mit der Liebe deines Lebens!“

Als er loszog seinen Weg weiter zugehen begreife ich etwas mehr. Der Weg mit seinen Begegnungen spiegelt unsere ganz eigenen Sehnsüchte, im Prinzip uns und die Menschen in der Begegnung sind auf dem Pilgerweg bereit sich zu offenbaren. Das ausgelegte Geld vom letzten Abendessen fordert er nicht ein und schenkt mir das von ihm bezahlte Essen. Trotzdem spüre ich Schmerz in mir … ich hege sehr oft in meinem Leben den Wunsch meine Mitmenschen zu verstehen und ihren Lebensweg dazu verstehen zu können!

Hey, heilige Scheiße, dass darf jetzt gerade nicht war sein, diese Konfrontation mit allem. Er weiß um meine Verletztheit am linken Fuß und meine Ängste dazu den Weg abbrechen zu müssen. Hinterherlaufen geht gar nicht! Loslassen meine Lektion. Wobei Loslassen ich zu oft versucht habe, dies bis zur Erkenntnis … das es auf meinem Weg mit meinem ganz eigenen Gedankengut dazu nicht funktioniert. Es / ihn SEIN zu lassen schon. (dies nach langen Wiederholungen der Situationen)

Wahrscheinlich meldet sich mein verletztes inneres Kind gerade und möchte versorgt, behütet und in den Arm genommen werden!?

Nun, was jetzt … jetzt bin ich wach!? Der Beschluss, ich gehe auch weiter und vertraue darauf, dass ALLES gut wird. In aller Seelenruhe packe ich mein Zelt in die dafür vorgesehene Verpackung, passt und gut, weiter. Schlafsack usw. alles wieder verstaut. Der Morgen wird einsam zuerst. Dann auf den ersten gelaufenen Metern geschieht etwas wunderbares.

Ich reflektiere nicht nur mein Selbst, seine Geschichte im Bezug zu Beziehungen erzählt am Abend vor der Gewitternacht kommt zum Vorschein. Klar und deutlich vor meinen Augen. Ich staune erneut über die Magie und Mystik des Camino. Er ist auch Single, 54 Jahre alt und seine längste Beziehung hielt 8 Jahre lang. Im Sommer 2014 lief er etappenweise den Camino Frances und verliebte sich in eine wunderbare Frau. Der Weg ließ eine gemeinsame Zeit zu, dies meine ich mit der Gnade jemanden zu finden, der der ein ähnliches Tempo auf seinem Weg hat. Der Holländer kehrte nach Spanien zurück mit einer großen Sehnsucht in seinem Herzen. Das wir uns wiedersehen werden … wusste ich zu diesem Zeitpunkt nicht, aber ich wusste der Bruch gerade ist zu groß um das bis dahin gewesene wieder herzustellen.

Ich laufe schon 8 Kilometer mit dem wunden Fuß, meine Moral ist im Sack. Die Wegstrecke kreuz und quer an erntereifen Feldern vorbei. Eine Ortschaft für Frühstück zu tanken Fehlanzeige. Was mich etwas erheitert und belustigt sind die ganzen zurückgelassenen Kleidungsstücke zumeist hängend an Wegzeichen wie Steine oder Schilder zur Richtungsorientierung. Jacken, Pullover, Schuhe usw. Mein linker Fuß schmerzt ganz gemein, mit meine Kombination aus Wanderstiefel und dicken Wollsocken hatte ich seit dem Beginn meiner Wanderschaft, zuerst 280 Kilometer um den Bodensee, dann 180 Kilometer über Korsikas Berge nie eine Blase. Dann mein Missgeschick auf dem Weg nach Pamplona, etwas ist im Schuh und ich halte mich an den Spruch: „Don´t stop walking!“ Was für ein FUCK. Diese sich öffnende Blase auf der Herzseite quält mich, sie lässt mich bei jedem Schritt leiden. Ich tauche tiefer ein in den Spirit des Weges. Der nächste Caminospruch holt mich wortwörtlich ein: „ no pain, no glory!“ Bis nach Santiago de Compostela liegt noch ein weiter Weg vor mir. Nach einer ausgedehnten Zigarettenpause gelingt es mir mit dem Nachdenken aufzuhören, ich weiß nicht mehr mal wie es geschah … ein Wunder. Ich gehe und gehe, weiter und weiter über Hügel und breite Feldwegstraßen. Beflügelt vom aufkommenden Wind, diesmal Rückenwind und ohne Stein des Gewitters. Nach weiteren 4000 Metern und der großen Freude im Herzen über diese Hügel zu gehen zeigt sich die nächste Ortschaft und mein Frühstück nähert sich …

Buen Camino & ultreia 🙂

Pilger Kai ❤

 

 

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