Der Bergmarsch des verletzten Herzens. (Teil 1)


Heute Morgen habe ich zeitig Bordeaux per Zug verlassen und bin nach Bayonne gereist.
200 Kilometer mit der Bahn im Südwesten Frankreichs von 7:47 bis 9:37. Ich bin ziemlich müde und erwartungsfrei. Etwas an Unmut habe ich über meinen Sonnenbrand vom Tag zuvor am Meer … zu unvorsichtig obwohl die Sonnencreme vorhanden war.
Da die Zugstrecke nach Saint-Jean-Pied-de-Port in diesem Juni 2015 gesperrt ist, geht es mit dem Schienenersatzverkehr weiter zu meinem Startort. Warum die Bahnlinie gesperrt ist weiß ich nicht! Nach meiner Ankunft am Bahnhof in Bayonne begebe ich mich durch die Unterführung in den Bahnhof. Am Eingang davon am Gleis 1 sitzen auf der rechten Seite zwei junge Frauen und bereiten sich mit ihrem Gaskocher ihr Mahlzeit zu. Wir lächeln uns kurzzeitig an, bevor ich im Bahnhof verschwinde. Das der Camino mir den Zauber des Wiedersehens lernen wird, wusste ich bis dahin noch nicht.
Die Pilger erkennt man hier sofort an ihren Rucksäcken und jede frei zugängliche Steckdose wird von den jüngeren Pilger genutzt. Pilgerreise 2.0 mit Smartphone und ständigen Kontakt mit dem Internet.
Noch etwas an Zeit bleibt mir bevor die Reise mit dem Bus weitergeht, ich überlege mir die Stadt etwas zu erkunden und lasse es dann doch aus zeitmangel bleiben. Eine halbe Stunde später steigt die angesammelte Meute in den Bus nach Saint-Jean-Pied-de-Port. Einzelne haben in der Wartezeit schon neue Freundschaften geschlossen. Ich nicht, bin bei mir und bereit für meinen Weg. Nach dem Einstieg suche ich mir einen Sitzplatz in der vorletzten Reihe. Platz nehmen, entspannen und abfahren. Meine Emotionen sind in der Mitte, keinerlei Aufregung oder in etwa Angst. Im Gegenzug diesbezüglich auch keinerlei Euphorie. Ich werfe einen genaueren Blick auf die zweireihige leere Sitzreihe vor mir und finde ein paar Euromünzen. Mache ein Foto vom Sitz mit den Münzen, stecke die Münzen dann ein und nehme die Situation als gutes Omen zum Vorhaben, bis ans Ende der Welt zu laufen.

Wahrend der Busfahrt aus der Stadt blicke die Fahrzeit über aus dem Fenster. Schließlich war der Kai noch nie in seinem Leben im Baskenland, mein Freund Norbert, zurückgelassen in Bordeaux, schwärmte vom Baskenland und vor allem von den leckeren kleinen Kuchen in den Bäckereien. Nach der Busausfahrt über stark befahrene Straßen und einen Teil an Autobahn bewegt sich der Bus jetzt durch schöne hügelreiche Landschaften. Der Kopf und das Herz wird frei. Nach weiterer Fahrt fängt mein Hirn an zu spinnen und spielt den Film ab. Ich werde Bücher schreiben und ein Titel dazu leuchtet in meinen Augen auf … „900 Km Jakobsweg Punkt.“ Das Ziel zum Ende der Welt zu pilgern. Blödsinn ja oder nein!? Ich weiß es nicht, noch nicht PUNKT. Eigentlich möchte ich nur sehr sehr lange zu Fuß unterwegs sein. Mich und mein Wesen besser kennen und zu schätzen wissen. Mit dem einem Hintergedanken, der wahren Motivation zum Aufbruch auf den Jakobsweg:

„Mein gebrochenes Herz darf heilen!“

Vertrauen, Glaube und Hoffnung das alles zu meinem Besten geschieht ging in mir verloren. Vielleicht finde ich den Weg zum Urvertrauen wieder zurück Der Jakobus darf meinen Weg begleiten und mich schützen.

Mein Herz das meldet sich … der Schmerz zum „Schmetterlingmädchen“ sticht mitten hinein. Die Frau die ich liebe und sie sich immer wieder auf mich eingelassen hat in den letzten 2 Jahren. Ein Kommen und ein Gehen, ein Verbundensein und ein gehen.

Mein Kopf der meldet sich …es wird neue Schmetterlinge in meinem Leben geben! Die Spannung zur eigenen Geschichte steigt!

Welche schicksalhafte Begegnungen mit dem anderen Geschlecht wird mir der Weg bringen, zubringen? Wie wird der nächste geschenkte Kuss wohlschmeckend schmecken? Woher wird der Schmetterling in mein Leben kommen? Ach Kai lass die Gedanken einfach sein! Befreie dich aus den Fesseln deiner selbst … und suche nicht die Liebe im Außen, ansonsten läuft sie von dir weg.

Wir alle Pilger und sonstige Fahrgäste werden freundlich am Bahnhof in Saint-Jean-Pied-de-Port gebeten auszusteigen. Die ersten stürmen los, ich nicht, in meiner Seelenruhe gehe ich mein Tempo in den Startort. Die Stadt ist wunderschön, durch ein Tor in der alten ehemaligen Festungsmauer betrete ich sie. Mit auf meinen Weg ist die Suche zum staatlichen Campingplatz. Durch Paulo Coelhos Buch „Auf dem Jakobsweg“ hatte ich einen ersten bildlichen Eindruck dieses Ortes in mir, zwar (nur) durch geschriebene Worte, sie trafen zu. Ich bin hier und suche, ich finde und fühle mich wohl. Ohne jemanden zu fragen lande ich intuitiv auf dem Campingplatz neben dem Fluss. Beim Einchecken erschreckt wer über den hohen Preis und zwar ich. Über 10 Euro für die erste Nacht in meinem eigenen mitbrachten Zelt … hmmm. Im Reiseführer stand was von den einfachen Herbergen und dem Übernachtungspreis von 5 bis 7 Euro. So ist der Weg, so ist mein Weg. Meinen Zeltplatz den liebe ich auf Anhieb, nach etwas an Schlaf im Schatten eines Baumes raffe ich mich an diesem Nachmittag auf. Duschen, Einkaufen und den Pilgerausweis erwerben meine Tagesziele.

Das Büro zum Pilgerausweis erwerben liegt direkt mitten in der Altstadt von Saint-Jean-Pied-de-Port. Überall entdecke ich die Spuren des Caminos, die Jakobsmuschel wird die nächsten Wochen mich leiten. Im Pilgerbüro ist nicht viel los und nach kurzer Wartezeit werde ich freundlich begrüßt und der Ausweis wird mir ausgestellt. Es war sehr freundlich beim Passerwerb, mit vielen nützlichen Hinweisen zum Pilgerweg nach Santiago de Compostela. Ein weiterer Marschplan nach Route der Erfahrungen aus längst vergangenen Zeiten. Saint Jean gefällt mir und nicht erst nach dem Begehen der mittelalterlichen Stadtmauer, dem Rundumblick auf die Pyrenäen. Ich habe den Startort erfolgreich erkundet. Was bleibt mir zur Nachtruhe und zum Losgehen? Zuerst der große Unterschied … ich denke noch zu viel und behaupte ein Wanderer zu sein. Hier treffe ich auf Pilger, auf Menschen aus vielen Nationen, Menschen mit Muscheln an ihren Rucksäcken und stolz darauf den Camino Frances anzugehen. Nach meinem Aufstieg zur Festung oben staune ich nicht schlecht, die Landschaft mit ihrem Grün gibt mir Energie und ich suche die Route nach Compostela, über welchen Berg darf ich nach Spanien hinüber?

Der Ort St-Jean-Pied-de-Port umfasst knapp 1.500 Einwohner und liegt im französischen Baskenland. Sein Name bedeutet „Heiliger Johann am Fuße des Passes“.

Vor dem ersten Tagesabschnitt habe ich Respekt, aber keine Angst, schließlich gibt es auf einer Wegstrecke von 27 Kilometer bis nach Roncavesvalles 1250 Höhenmeter zu bewältigen. Auf dem Rückweg zum Camipngplatz erwerbe ich noch etwas Obst, Gemüse und Müsliriegel für den nächsten Tag. Zeitig gehe ich schlafen und freue mich auf den Jakobsweg durch Spanien. Mein allererster Besuch in diesem mir noch fremden Land, der Sprache bin ich nicht mächtig. Ich lasse mich führen und leiten von meiner Intuition und hehe, vom heiligen Jakobus.

Shit, ich habe verschlafen, wollte um sieben los und jetzt haben wir 8 Uhr, nix ist gepackt. Ruhe bewahren, packen und dann los. 8:30 bin ich auf dem Jakobsweg nach Santiago. Mein verletztes Herz das hüpft. Beim gehen in den ersten Anstieg nach dem Zurücklassen von Saint Jean treffe ich auf die nächsten Pilger und der Weg lernt mich mein eigenes Tempo zu finden. Anhängen an jemanden geht gefühlt gerade gar nicht. Zum allerersten mal höre ich die Pilgergrüße und versteh gar nichts. Der Camino führt zuerst über Teerstraßen und gewinnt an Steilheit. Meine Puste ist gut und ich genieße die Blicke zurück auf den Ort unten liegend. Die Landschaft des französischen Baskenlandes ist atemberaubend schön. Wirklich viel los ist hier am Berg zum großen Glück nicht, dies liegt sicherlich an meinem späten Antritt des Weges. Die Teerstraße lasse ich hinter mir und weiter geht’s auf einem Feldweg, immer steiler in mit leichten Schlenkern hinauf in die Pyrenäen. Der Tag ist zauberhaft schön, Sonnenschein auf blauer Himmelsleinwand, fast wie ein gemaltes Kunstgemälde. In der Mittagssonne angelangt quält mich die Hitze, Wind kommt auf zum kühlen. Danke lieber Gott für diese Hilfe, passender wäre der Wind von hinten anstatt als stärker werdenden Gegenwind. Durch mein doch noch recht gutes Tempo überhole ich Pilger, Pilgergruppen, sie grüßen mich mit „Buen Camino!“ (was dies bedeutet lese ich erst am Abend dann nach) Unwissenheit beschützt wenn? Die Teerstaße schlängelt sich durch satte grüne Wiesen. Am Wegesrand immer mal wieder zurückgelassenes von Pilger und die Zeichen des Weges. Pferde kreuzen meinen Weg. Im Schatten eines Hanges parke ich mich und mache eine Zigarettenpause, der weilen kommt wer mit grauen langen Haaren aus entgegen gesetzter Richtung auf mich zu und fragt mich nach einer Zigarette. Ich denke mir: „steht Deutscher auf meiner Stirn geschrieben?“

Ich reiche ihm meinen Tabak und die restlichen Rauchutensilien dazu mit. Im Gespräch stellt sich heraus, dass er gerade auf dem Heimweg ist. Er ist von Deutschland vor 2 Monaten losgezogen und jetzt geht es für ihn zurück. Wahrscheinlich lebt er in Deutschland auf der Straße, diesen Eindruck hinterließ er mir. Zuerst durch sein optisches Erscheinen und zum Zweiten durch seine Erzählungen und Tipps. Da kannst du auf Spendenbasis Essen und Übernachten und dort auch usw. Ich lasse ihn los und zurück ziehen. Sehr sehr suspekt diese Begegnung mit ihm. Weiter geht es auf dem Weg, ein Brunnen wird erreicht, Wasser tanken und die Trinkblase auffüllen. Leider Gottes liegt hier viel Müll herum, muss das sein? NEIN. Der Camino wird schattiger, Pfosten mit der Jakobsmuschel darauf leiten die Richtung an, die Pfosten tragen Nummern. An der Glücksnummer 13 komme ich nicht vorbei ohne ein Foto zu schießen. Mein Gang ist ziemlich gut und rund, ich hole immer mehr an Vorgängern des Tages ein. Die nächsten Exoten tauchen auf, beide haben jeweils ihre geliebte Gitarre mit dabei. Yes. Weit kann es doch nun wirklich nicht mehr sein? Der Camino schwenkt nach links, erneuter deutlicher Richtungswechsel. Endlich bin ich da, an der Stelle des Abstiegs. Roncesvalles kann nicht mehr weit sein. Eine Holzkonstruktion mit Sitzmöglichkeit formt diesen Abstiegsplatz, daran ein Solarmodul, ein kleines Windrad zur Energiegewinnung und Gebetsflaggen aus Tibet. Angekommen in meiner Ruhephase lese ich im Reiseführer erstmals dazu nach. Est ist tatsächlich von hier aus nicht mehr weit, es gibt freies Wifi hier … ich zögere zuerst und lasse es dann doch entschlossen sein. Zu schönst ist die Momentaufnahme und mein Gipfelsieg. Koste, auskosten, genießen sehr erhaben. Ich darf gestehen das ich lausche und meine Herkunft nicht erkenntlich zeige. Ein Wanderer namens Kai trifft auf Pilger.

Im Abstieg folgt meine erste intensive Caminobegegnung …

Ein Herzenhören. Sie ist etwas älter wie ich und redet ab dem ersten Augenblick frei heraus. Vor 22 Jahren heiratete sie ihre damaligen große Liebe, Familienglück kam bald danach auf. Ein Kind, Haus und Grundstück im Erwerb. Die Abzahlung davon kein Problem, durch von beiden Beteiligten
guten Jobs. Über die Jahre hinweg galten die Pflichten zu erfüllen, dies gelang, doch die Liebe blieb auf der Strecke. Die Folge ein Kampf um das Dagewesene. Ihr letzter Ausweg ein Suizidversuch vor einem Jahr. Die Beziehung futsch, keine Hoffnung auf ein weiteres Leben. Alles ging und sie ging in Therapie, nach der anfänglichen Erholung wieder der Kampf um die Beziehung. Das Rad der Zeit ließ sie verzweifeln und sie verlor sich immer mehr im Kampf. Ein Jahr später erneut ein Nervenzusammenbruch ihrerseits. Was nun? Erneut einen Antrag zur Therapie stellen? Dann kam der Ruf zum Jakobsweg und innerhalb von drei Tagen der Kauf alles Ausrüstung Materials. Die innere Stimme folgte dem Caminoruf, sie taktete den Beschluss zum neuen Weg. Mir tat diese Begegnung gut und sie ermöglicht mir mein positives Weitergehen. Obwohl ich geschockt war in diesem Moment. Ich las vieles über den Camino unter anderem auch das er Seelen spiegelt und zueinander führt. Dem sei auf meinem Weg jetzt gegeben. Der Abstieg ist super hart, steinig und man darf auf seine Knochen aufpassen.

Kurz vor Ankunft sitzen da zwei Menschen und fragen aus welchen Land beide wir kommen? Die Unsere Antwort: „Deutschland“ … uns wird der Segen für den weiteren guten Weges zugesprochen, dazu noch ein kleines Buch auf deutsch mit dem Titel: „Kraft für jeden Tag“ übergeben. Die letzten Meter sind entspannt und mit Stille befüllt. Erst bei Ankunft sprechen wir wieder miteinander, Sie checkt im Kloster Roncesvalles gleich ein. Ich bleibe draußen und erfrische mich am Wasserhahn, Kopf darunter und trinken, trinken bis der Durst sein Ende findet. Nun setzte ich mich an einen freien Tisch zum rauchen. Kurze Zeit später gesellen zwei Frauen dazu. Beide wirklich nett anzuschauen … das darf ich als Mann gestehen! Nach anfänglichen Smalltalk werden die Gespräche mit Tiefe gefüllt. Zuerst gedacht … zum großen Glück. Beide sprechen sehr gut deutsch.
Was geschieht nun innerhalb der Tiefe der Gesprächsrunde? Die verletzten Herzen kommen zum Vorschein. Dazu bin ich nicht bereit und kann es nicht glauben. Die Resonanz meiner Energie und die des Weges finden nach all den Strapazen ihren ganz eigenen Tagesabschluss. Mir bleibt keinerlei Wahl, ich muss hier weg, schnellstmöglich, am besten sofort.

Ich folge meinem Herzen und schultere meinen Rucksack auf, zuvor bewege ich mich an den Empfangstresen, hole meinen zweiten Stempel ein. Kurzzeitig begegnet mit die wahre Liebe in einem Gespräch, Ein Ehepaar in der Warteschlange überfällt mich mit einem Gespräch. Nach ihrer erlebten liebevollen Geschichte zum Weg verlasse ich den Ort und gehe …

… gehe weiter meinen ganz eigenen Weg zur Selbstheilung des Herzens.

Buen Camino & ultreia 🙂

Pilger Kai ❤

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