Ein weiterer Tag als Pilger.


Sonntag, den 05.Juli 2015

Meine Nachtruhe im Zelt tat gut und ich fühle mich super erholt. Das Wetter hat in der Nacht doch gehalten und das Aufgekommen des Sommergewitters blieb fern. Um sieben Uhr erlebe ich einen tollen Sonnenaufgang und starte damit in meinen Pilgertag. Etwas bleibe ich noch im Zelt liegen und schaue die aufgehende Sonne durchs geöffnete Zelt an. Dann schweift mein Blick auf den Boden ins Gras, ganz zauberhaftes leben findet dort im Mikrokosmos statt. Auf dem Stoppelacker vor meiner Zelttüre tragen kleinste Ameisen riesige Lasten auf ihrer Ameisenstraße hinweg. Diese Miniwelt verzaubert mich wirklich richtig. Kleine Spinnen weben ihre Netze an zwischen den einzelnen Stoppeln, Minischnecken und etwas größere Käfer gestalten das Bild zum Ganzen.

Bis ich endlich auf den Camino bin und meine Schritte mich mit samt Gepäck vorwärts bringen, vergeht noch einige Zeit. Kurz vor Logroño verlasse ich die Region Navarra und laufe in die Region Rioja mit seinen vielen Weinanbaugebieten ein. Mein Fuß mit dem Blasenpflaster macht keine Zicken und die Wunde gibt mir Ruhe. Pilger treffe ich so gut wie keine an, bin ja doch erst wieder nach 8 Uhr losgezogen. An diesem Tag kann ich immer wieder nach dem Glück greifen, Frühstück war eine Fehlanzeige. Dafür streife und greife ich nach Mirabellen, sie tauchen am Weg auf. Fruchtzucker gibt Energie, der Pilger Kai nascht viele dieser gut schmeckenden Früchte in sich hinein. Nachdem die ersten 10 Tageskilometer zurück gelegt sind erreiche ich die Hauptstadt von Rioja mit dem schönen Namen Logroño. Wirklich ein schönes Städtchen mit Gebäuden aus weißem Sandstein. Die Stadt ist um diese Zeit erst am Aufwachen. Irgendwann zwischen 10 und 11 tauchen mehr Menschen auf, die meisten Touristen, ich weiß nicht genau, ist gerade Wochenende? Egal. Der Camino führt mich direkt an eine Touristeninformation, dort hole ich mir einen weiteren schönen Stempel für den Pilgerausweis. Gleichzeitig bekomme ich Info zur nächsten Einkaufsmöglichkeit. Eine tolle ältere Spanierin in perfekten Englisch erklärt mir alle wichtigen Infos und sie gibt mir einen Stadtplan mit. Ich staune über mein Verständnis, Englisch zu sprechen ist bei mir nicht ganz so gut, doch verstehe ich vieles, dies gibt mir noch mehr Mut zur weiteren Anwendung meines Schulenglisch. Zum Abschied … buen Camino.

Ich ziehe mit dem Stadtplan weiter durch die Stadt, als mein Weg ein Straßencafé streift, ruft mir eine hübsche dunkelhaarige Schönheit ein Hola & buen Camino zu. Ganz ehrlich, ich bin verdutzt und mir wird ganz warm ums Herz. Heilung Seiner Verletzung!? Wir haben wirklich Sonntag stelle ich fest und der beschriebene Einkaufsladen ist ein von Asiaten betriebener kleiner Laden. Mein richtiges Frühstück wird frisches Obst und Schokoladencroisant, dazu gibt’s ungesundes Cola. Der Frühstücksort ist eine einfache Bank im Sonnenschein. Nach einer Zigarette meldet sich mein Darm und möchte entleert werden. Dazu benötige ich eine Toilette, diese wird in einem naheliegenden Café gefunden, ohne zu fragen geht mal gar nicht. Das Okay kommt und dem Weg der Darmentleerung steht nicht mehr im Wege. Plötzlich sitze ich im Dunkeln. Stromausfall … welch shit! Was soll´s ich warte und nach wenigen Minuten geht das Licht wieder an.

Weiter auf dem Weg begegne ich einer Amerikanerin mit übelsten Sonnenbrand, ach Mädel passe bitte besser auf dich auf. Angekommen am See Pantano de la Grajera taucht wieder die Schönheit aus dem Cafe in Logroño auf, wir reden diesmal etwas mehr. Sie kommt aus Ungarn. Ich pausiere hier und sie geht weiter. Dann geht es irgendwann auch für mich weiter, der Weg wird zur Teerstraße, der Tag ist wiedereinmal super heiß. Navarrete ist mein weiteres Ziel. Es läuft gut mit dem Gehen und nach einiger Zeit hole ich die Ungarin wieder ein. Nun laufen wir eine Zeit lang Seite an Seite zusammen den Camino. Dann kommen wir beide zu dem Punkt an dem sie mich weiter schickt, ich bin ihr zu schnell. Diese Lektion des Camino bekomme ich noch öffters zugetragen, man versteht sich gut und möchte zusammen gehen, doch es funktioniert nicht. Unterschiedliches Tempo, andere Zeiten der Pausen usw.

Dann hilft nur es sein zulassen und damit den Prozess des Loslassens einzuleiten. Ich glaube langsam aber sicher meine ehemalige Affäre zu verstehen, wir hatten so viele Momente der Schönheit im Herzen. Dann riss die Verbindung wieder für einige Zeit lang ab. Das spiegelt sich gerade durch meine Erlebnisse auf dem Jakobsweg, viel häufiger, öfters. Der Unterschied zu Zuhasue? Es fällt mir leichter hier beim gehen durch Spaniens Landschaften plus Städte. Es ist sprichwörtlich und doppeldeutig Bewegung im Spiel.

Nachdem ich bereit bin mich auf Konversation auf Englisch einzulassen finden diese auch immer öfters statt, sehr sehr interessant, wie ich finde. Die Ungarin hatte ein scheiß Jahr, sie sucht die Ruhe, diese für sich und damit die Klarheit zum glücklicheren Weg. Unsere geplanten Tagesziele entsprachen den selben Ort, Ventosa. In Navarrete angelangt erfrischt sich der Pilger Kai am Brunnen und füllt seine Wasservorräte auf. In diesem Ort angelangt ist für viele Pilger Feierabend angesagt, ich glaube er ist nach 23 Kilometern ein vorgeschlagener Etappenort. Mein Weg führt mich weiter in die Mittagshitze, ich genieße es nun alleine unterwegs zu sein und keiner Menschenseele zu begegnen. Der Camino Francés nach Ventosa führt erst wunderschön durch Weinanbaugebiete, dann ätzend lang an der Autobahn entlang, immer leicht bergauf. Es wird steiler und die Kräfte weichen von mir, die Schmerzen durchfahren meinen Körper. Ich laufe müde weiter & weiter bald durch den Ort zum höchsten Punkt. Eine Rassenfläche bei der erhabenen Kirche hoch auf dem Hügel mein vorläufiges Ende. Rucksack ab von den Schultern und mich dem  Boden ergeben  …

Buen Camino & ultreia 🙂

Pilger Kai aus Freiburg ❤

 

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