Aufbruch ans Ende der Welt (Finisterre) Teil 3


Angekommen zurück in den Notunterkunft brauche ich noch etwas Zeit für mich und gehe hinter die Hütte auf einen kleinen Hügel. Pflanze mich auf den Boden und blicke gedankenverloren in der Gegend herum. Vieles vom zurückgelegten Camino ist vorerst einmal verschwunden. Ich wundere mich ein wenig über den körperlichen und mentalen Zustand. Solange ich unterwegs bin gaukle ich mir gut vor noch fit zu sein, wehe ich komme zur Ruhe, dann wird´d mir ganz anders. Menschen sind schon ein wahnsinniges Wunderwerk der Natur und ihre Anpassungsfähigkeiten erst recht. Ich bin sehr stolz auf mich, im Mai beschloss ich eine Alkoholauszeit zu machen, für einen Monat und nun sind es schon ganze 2 Monate ohne ein Bier oder einen Schluck Wein. Eine gute Erfahrung, und der Versuch des Stellenwertes in meinem Leben echt gelungen. Nämlich, der Alkohol hat keinen. Als ich zurück zum alten Schulhaus komme wird mir etwas von einem weiblichen Drachen erzählt, der der jetzt jede halbe Stunde aus dem Haus gegenüber herüber kommt und den Leuten 5 Euro abknöpft. Wie war das nochmals mit der Spendenbasis hier? Von mir bekommt die Frau genau 3 Euro für diesen Puff als Unterkunft, und dies hauptsächlich für´s duschen können. Verärgert dreht sie sich nach der Begegnung mit mir um und taucht in exakt einer weiteren vergangenen halben Stunde wieder auf. Es könnte ja noch wer gekommen sein …

Auf dem Weg nach oben in den 2. Stock erhasche ich noch eine Silhouette von einer Frau, sieht sehr hübsch aus was ich erkenne. In der Wegerechten auf der Turnmatte liegend surren die Fliegen um meinen Kopf, trotzdem schlafe ich bald ein. Hatte keinen Bock auf Nachtjagt zu gehen und weitere Fliegenkörper an die Wände zu klatschen. Meine Erschöpfung des Pilgertages gnügte damit umzugehen und in den Schlafmodus zu gelangen.

Montag, den 27.Juli 2015

Tag 28 auf dem Camino Frances und nun genau seit 4 Wochen unterwegs. Keinen einzigen Tag bisher Heimweh im Magen. Ich sitzte auf der Treppe vor der Türe und die Koreanerin mit den kurzen Haaren raucht ihre erste Kippe, ich auch. Wir quatschen fröhlich drauf los, nach dem Aufrauchen packt sie eine Packung Schokoladenkekse aus ihrem Rucksack und teilt diese brüderlich mit mir. Die Silhouette der Nacht ist wirklich eine Art Traumfrau, gut geformter Body, lange braune Haare und tief braune Augen. Ach Kai, da merkt man wieder dein Denken als Mann.
Schluss und aus mit dem Mist. Um 8 Uhr breche ich auf und treffe gleich einen Deutschen in meinem Alter, die nächsten 8 Kilometer gehen wir gemeinsam den Weg. Er ist 41 Jahre alt und Lehrer, er kann sich seinen Beruf die nächsten 24 Jahre ausübend nicht wirklich vorstellen. So zieht es uns Pilger auf den Weg, unser Ziel das Ende der Welt in Finisterre. Unsere Motivationen den Weg zu gehen, sehr verschieden. Die Zeit tickt ihre Sekunden zu Minuten und zu Stunden ab. Ich höre kein Ticken, sie vergeht gefühlt im Fluge. Ach ja, die nette Koreanerin wartete auf einen Schweden und wir alle Treffen uns zum Frühstück in Santa Mariña wieder. Mir fällt gleich eines seiner vielen Tattoos auf, als ich meine den Schweden der einen langen Bart trägt. Ich schätze ihn auf Mitte Zwanzig. Auf seinem Oberarm steht „Dad“ mit den Jahreszahlen 1964 bis 1998. Krass mein Gefühl diesbezüglich, sein Vater wurde gerade einmal 34 Jahre alt und den Grund dafür werde ich noch erfahren, auf dem weiteren Weg nach Finisterre. Viktor fragt in die Runde ob er in der Herberge bei Cee für uns alle reservieren soll und nach der letzten Nacht, schließe ich mich an. Er telefoniert mit dem Handy kurz und signalisiert mit einem Daumen hoch, dass das jetzt alles geregelt sei. Wir ziehen gemeinsam weiter.

Das hat zur Tagesaufgabe einen Fußmarsch von über 40 Kilometer. Die Landschaft am um uns herum ist sehr schön, viel Wald und immer wieder Passagen von Eukalyptus, der gut riecht. Ansonsten geht es viel über Asphalt, ja nicht wirklich spannend und schön. Eine Französin ist hinzugekommen und bereichert unsere Runde mit ihrem witzigen Akzent beim Englisch reden. Nach gut einer Stunde gibt es die nächste Pause mit Cafe con Leche, Kohla und einem Bocadillo. Wir sitzen an zwei Tischen im Freien verteilt, weitere Pilgerfreunde kommen hinzu. Der kennt den und er hat den schon einmal getroffen. Witzig, ich war bisher nicht bereit in einer so großen Truppe zu pilgern und jetzt auf dem Weg ans Ende der Welt passiert es von alleine, es ergibt sich einfach. Die Traumfrau kommt mit einem jungen Mann an, sie kommen zu uns an den Tisch und man kennt sich. Litauen, USA, Korea, Frankreich, Deutschland, Holland und Slowenien findet sich. Nach dem erneuten Aufbruch bildet sich eine lange Schlange in zweier Reihen und jeder spricht mit jedem ein paar Worte. Die Schönheit aus Litauen ist über 1,75 groß und hat wirklich phantastische braune Augen, in der Unterhaltung stellt sich heraus, dass sie meine kleine neu gewonnene Camino Schwester auch kennt. Zuletzt hatten sie sich in Santiago de Compostela gesehen. Die Welt ist ein Dorf, der Camino zeigt uns das Dorf. Der Camino Finisterre wird schöner und führt nun endlich von den Landstraßen weg. Ich weiß es nicht, aber ich fühle mich etwas wirr, bin ich so schnell verliebt? Die Hübsche Litauerin macht etwas mit mir, wahrscheinlich ist es unbewusst von ihr, sicherlich ist es genauso. Die Unterhaltung mit ihr an meiner Seite ist toll und ihr strahlendes Lächeln rauben mir in machen Momenten meinen Atem. Sie zieht seit ein paar Tagen mit dem US-Boy durch die Gegend, er möchte was von ihr. Soviel ist klar, letzte Nacht schliefen sie getrennt im oberen Stockwerk der Notunterkunft. Sie und der US-Boy wollen zuerst nach Muxia und dann erst ans Ende der Welt nach Finisterre. Die Zeit mit ihr genieße ich, es gelingt mir sie als Frau wahrzunehmen und ich bin froh damit etwas an der Heilung meines verletzten Herzens beizutragen.
Ich empfinde es als total verrückt, und verstehe langsam aber sicher, dass es meine Aufgabe ist mich einem neuen Wert / Selbstwert zu zu ordnen. Ich liebte eine Frau und hätte mir ein Leben mit ihr an meiner Seite super gut vorstellen können. Sie küsste mich als ob es kein Morgen gäbe und doch wollte sie mich nicht. Diese Erfahrung ist sicherlich nicht nur für mich super hart!? Liebe macht verletzlich und wenn man sich darauf einlässt, besteht die Gefahr nicht im Himmel zu landen. Ich landete in Spanien auf dem Camino …

Wir wechseln die Redepartner in der großen internationalen Pilgerrunde. Alles bis auf die Beiden wollen zuerst bis ans Ende der Welt. Viktor aus Schweden ist neben mir und ich spreche ihn direkt auf sein Vatertattoo an. Drogentod durch Heroin. Mich wundert seine ehrliche offene Aussage nicht. Doch dann erstarre ich schlagartig in der Fortführung seiner Worte. Auch er wählte den Weg des verlorenen Vaters und gang den Weg der harten Drogen. Erst vor einem Jahr und dem ersten Camino, der Camino Frances fand er seine Freiheit davon, er kam weg vom dem Zeug. Mittlerweile lebt er ohne Zigaretten, ohne Alkohol und vegetarisch. Ich ziehen meinen Hut vor ihm und seinem neuen Lebensweg. Viktor ist ein Jahr später den Camino del Norte gelaufen und dabei traf er die Koreanerin und Jana aus Slowenien. Das Jana noch eine wichtige Rolle auf meinem Weg spielen wird, wusste ich bis dahin nicht. Unsere gemeinsame Zeit ist wunderschön und reichlich mit guter Energie geladen. Momente der Gemeinsamkeit, diese welche uns Niemand mehr im Leben nehmen kann und auch nicht wird. Unvorhergesehen und geschenkt. Dann kommt die Kreuzung des Weges …

Der Doppelstein steht genau vor uns. Zwei Muscheln in entgegengesetzte Richtungen zeigend. Links nach Finisterre und der rechte Weg nach Muxia. Wir bleiben alle stehen, schauen uns an. Nochmals Fragen zur Richtung. Unentschlossenheit schafft sich Raum und macht sich breit. Minuten der fragenden Blicke. Überzeugungsarbeit hilft per Sprache auch nicht wirklich weiter zu einem Entschluss. Da fällt mir mein gefundenes Münzstück ein, ich greife in meine Hosentasche am Hinter, zucke mein Portemonnaie, erwische das halbe Francsstück und erzähle meine Geschichte dazu in die Runde. Nach dem Zuhören aller wird klar, diese nächste Entscheidung trifft die geworfene Münze. Diesmal werfe ich nicht selbst und übergebe das Geldstück dem US.Boy. Die Traumfrau, vielleicht meine, ist noch unentschlossener als er. Er schnippt sie in die Luft, er fängt sie, pascht sie umgekehrt in die andere Hand. Und es ist klar, die Entscheidung ist gefallen …

Abschied.

Meine Beine zittern, ich habe es mir anders gewünscht und wollte SIE kennen lernen, mein Herz auch. Schicksalhaft und Schicksal. Jana aus Slowenien fängt an mit Fotos zu schießen, die Lage verbannt das Denken und alles ist gut. Wir umarmen uns gegenseitig. Ein erster Block wird gezuckt, wir tauschen unsere Adressen aus. Alle sind glücklich, ich auch. Unser Abschied wird zur Zeremonie. Vor dem Doppelstein mit den zwei Muscheln formte wer ein Herz mit Steinen, wunderschön und herzergreifend. Jana fing an ihre slowenische Nationalhymne zu singen, Gesang schwang durch die Luft. Die Zeremonie grandios, einzigartig, nicht wiederholbar, hervorgerufen durch einen Abschied. Holland trällerte, Litauen, Frankreich, USA, Korea, Schweden …

Dankeschön für diese Zeremonie unserer Pilgerherzen! ❤

Buen Camino 🙂

Pilger Kai ❤

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