Aufbruch ans Ende der Welt (Finisterre) Teil 2


Nachdem ich den redseligen spanischen Quatschkopf hinter dem Zaun einfach habe stehen lassen finde ich meinen Rhythmus wieder und ich fühle mich somit wohl in meiner Haut. Ich pilgre weiter bis nach Negreira, das Städtchen meines groben Tageszieles. Wir haben erst 14 Uhr 30, recht früh zum aufhören mit dem Gehen. Von Eintritt bis zur Mitte des Ortes gefällt er mir nicht, vielleicht liegt es auch am schlechten Wetter? Ich hole mir einen weiteren Stempel in meinen CREDENCIAL DEL PEREGRINO. (Pilgerausweis) Als nächstes der Weg zur nächsten Bar und Milchkaffee konsumieren. Mein Plan war gut, er hat bloß nicht funktioniert.! Soviel steht fest, dass mit den weniger Tageskilometer zu laufen bekomme ich nicht wirklich hin, gut hin. Ich bin nicht gerade entscheidungsfreudig, damit verbunden flog mein ½ Francs Münzstück erneut wieder in die Luft. Gefangen auf den linken Arm geklatscht … steht der Entschluss weiter zu gehen. Und um diese Uhrzeit ist der Angriff für weitere 13 Kilometer völlig Okay. Gerade als ich wieder Fahrt aufnahm erwische ich mich erneut tollen Frauen hinterher blicken. Im inneren Dialog frage ich mich: „Liebes verletztes Herz, ist dies eine Ablenkung vom Schmerz? Oder bist du auf dem Wege der Heilung?

Lieber Kai, es ist alles viel zu frisch und lass die Frauen mal Frauen sein! Weiter geht’s in Richtung Ende der Welt. Finisterre wartet, erwartet mich gefühlt schon sehr sehr lange. Zu kleinen Unheil gehen die Gitter des Supermarktes gerade als ich vorbei komme herunter. Er macht Siesta. Nahrungsaufnahme wäre nicht verkehrt gewesen, sollte nicht sein. Meine Kaffeepause war doch etwas zu lang. Erneut setzt der fiese Nieselregen ein. Galicien du bist bekannt dafür. Bei Zas verpasse ich den Abzweig zum weiteren Camino nach Finisterre. Kein Wunder bei halb zu gekniffenen Augen. Der Wind peitscht mir den feinen Regen frontal ins Gesicht. Nach dem ich seit geraumer Zeit keinen Hinweis auf den richtigen Weg mehr fand, parkte ich mich unter einem Baum und überblickte die aktuelle Situation im Reiseführer. Bisher bin ich bei keinem Verlaufen umgekehrt, diesmal dann auch nicht. Anhand des einfachen Kartenmaterials erspähe ich den Zusammenschluss der Landstraße mit dem Camino Finisterre. Also gut und die nächsten 8 bis 10 Kilometer werden richtig scheiße für mich. An der Landstraße entlang, zum Glück nicht stark befahren, ich Laufe auf der Seite des mir entgegen kommenden Verkehrs. Mein Einziger Begleiter (außer dem heilige Jakobus) ist der Regen von vorne ins Gesicht. Nacht etwa 2 Stunden kreuzen sich die Wege wieder und ich freue mich weg von der Straße zu gelangen. Ich erreiche mit letzter Kraft den Ort Vilaserio. Von wegen vor 16 Uhr ist Schluss mit laufen, 36 Kilometer sind geschafft und liegen hinter mir am Tag 27 zu Spanien. Gesamt 841 Kilometer, erstaunliche Laufleistung trotz großem Gepäck.

Zu allem Überfluss ist die gut aussehende Albergue komplett belegt. Dafür reist die Himmeldecke auf und ich betrachte zum aller ersten mal die umliegenden Hügelketten mit ihren unzähligen Windkraftanlagen darauf. Ein Moment des Innehaltens und mich verlieren, dies gewollt. Ich erfuhr von der freundlichen Spanierin was von einer etwas weiter auswärts liegenden Notunterkunft in einer alten Schule / Schulturnhalle auf Spendenbasis. Auch diesen Weg galt es in Angriff zu nehmen. Dort angekommen erinnerte ich mich an etwas im Vorfeld, war es eine Seite im Reiseführer!? Weiß nicht, die Notunterkunft ziemlich schäbig und keiner zum kassieren da. Ich treffe auf einen deutschen Rentner und er labert mir gleich meine Ohren zu. Er sei von Paris losgelaufen und hat 100 Kilometer bis zu meinem Startort in Frankreich Saint-Jean-Pied-de-Port intus. Sein Hausarzt riet ihm vor dem Camino ab. Erst sein Orthopäde brachte seinen Fußproblemen durch vernünftige Schuheinlagen Fortschritte usw. ZU VIEL! Ich möchte eine Dusche und etwas ausruhen, nicht mehr, einfach schlicht. Nach dem Abschütteln von ihm und seinen Geschichten ging´s durch Hochwasser im Duschbereich zur wohl verdienten Dusche. Einen Raum im zweiten Geschoss sicherte ich mir zuvor. Eine harte Turnmatte mein Bett für die nächste Nacht. An den Wänden des Zimmers versuchte sich einstmals jemand mit dem Anbringen von frischer Farbe. An den Decken und Wänden abgeklatschte tote Fliegen. Besser als nix, oder doch mein Zelt aufbauen? NEIN, ich bin zu erschöpft an diesem Tage. Die Dusche tat richtig gut, soviel vorweg, dann erkannte ich das Problem und somit der Grund für die Überschwemmung hier. Ich bin gespannt wie das hier mit der Spendenbasis vorhanden gehen wird! Zur nächsten Zigarettenpause vor der Eingangstüre treffe ich auf eine junge Frau und einen jungen Mann, beide aus Südkorea. Wohlwollende tolle Verständigung auf Englisch. Zum aller Ersten nicht so eine verklemmte Begegnung mit Asiaten wie schon sehr oft zuvor auf dem Camino Frances. Ob es nur mir so ging, erging mit dem Volksstamm aus dem Asien? Sie lief den Camino del Norte und er unabhängig von ihr auch den französischen Weg nach Santiago de Compostela. Wir werden noch mehr, eine Franzose und eine Französin bereichern unser Pilgernest hier in der Notunterkunft. Unsere Mägen knurren in einer Sprache die jeder Mensch kennt, dazu gibt’s keine Barrieren, zumindest nicht Sprachlich. Wir beschließen gemeinsam zurück in den Ort zur Albergue zu laufen und zusammen zu speisen. Der Weg zum Abendessen ist spaßig, mit viel Lachen verbunden, gefühlt kurzweilig.

Am Restaurant angekommen stellen wir im überdachten Freibereich zwei Tische zusammen, setzten uns und wundern uns über die spärliche Auswahl an Gerichten. Ich habe richtig Hunger, fast schon ein leichter Schmerz in der Bauchgegend meldet die Bestellung an. Zur Vorspeise gibt es für mich einen gemischten Salat, als Hauptgericht Eier mit Speck und Pommes. Nachtisch Tarta de Santiago.
(Mittlerweile liebe ich diesen Mandelkuchen aus Santiago de Compostela unwahrscheinlich und sehr) Die ganze Nahrung ist im Magen, damit kehrt die Energie zurück. Die Pilger beschäftigen sich nun mit dem Internet gegeben durch Wifi im Restaurant. Gut so, etwas Ruhe. Der deutsche Rentner schwächt mein Nervenkostüm deutlichst. Hat weniger mit ihm zu tun, normalerweise kann ich mit schlechtem Schulenglisch und ein Ausmaß an Redseligkeit gut umgehen. Heute einfach nicht!

Ich bestelle mir ein Magnumeis und nach dem aufputzen nochmals eins. Jetzt geht es mir besser und ich weiß es einfach. Der Kai hat sich zu vieles zugemutet und ist erschöpft. Nun geht’s zurück ins Nachtlager …

Buen Camino zur nahen Nacht 🙂

Pilger Kai ❤

 

 

 

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