Das Münzspiel mit dem Schicksal. (Teil 1)


Tag Nr 17 bricht an, ich habe gut in meinem Zelt vor einer Herberge auf saftigen Grün geschlafen. Nach dem Zeltabbau und dem Rucksack richten bewege ich mich zur Landstraße in La Virgen del Camino vor. Leon ließ ich hinter mir weil mir große Städte Energie rauben, doch mir fällt wieder ein, dass ich mich in Leon besser wie in anderen Städten gefühlt habe. Und ich verschwitzt ins Prunkhotel Parador de León einlief und mir einen Stempel für den Pilgerpass geben ließ. (Soviel zum Thema keine Stempel einstmals sammeln zu wollen und der Weg mein Verhalten änderte)

Ich stehe am Zebrastreifen und ein mir bekanntes Gesicht steht auf der anderen Straßenseite, sie sieht mich nicht, weil sie auf die noch rote Fußgängerampel blickt. Stehen bleiben und auf ihr Gesichtsausdruck warten ist mein Gefühl dazu. Welch Geschenk des Caminos ans uns zwei. Der Tag wird anstrengend und weite Teilstücke verlaufen an einer sehr stark befahrenen Landstraße entlang.
Wir umarmen und kurz und starten los in unsere erneutes gemeinsames Abenteuer auf dem Camino. Der Himmel ist blau und es wird fast schon minütlich wärmer, dazu die lebensfreundlichen Abgase der vielen Fahrzeuge neben uns. Ich könnte stellenweise wirklich kotzen. Eine Mischung aus Benzin und Dieselabgase liegen in der Luft.
Wir kommen an einem Haus vorbei und dort wird unser Pilgerleben sprichwörtlich stark versüßt. Auf einer Anreiche am Haus gibt’s Kekse, Bonbons, Wasser und Mirabellen. Dazu ein Stempelkissen mit samt Stempel. Wir zwei blicken uns tief in die Augen und schenken uns ein jeweiliges Lächeln zu. Das sind die schönsten Überraschungen am weg, die von den man nichts weiß und keiner sie erwartet. Meine kleine liebgewonnene Schwester aus Litauen und meiner Wenigkeit haben das gleiche Tagesziel stellen wir zur großen Freude fest.

Der Tag ist zäh und lange latschen wir an der Abgasstraße entlang, die Sonne kennt kein Pardon und brutzelt auf uns Pilger nieder. Irgendwann am Nachmittag fängt sie an Volkslieder in ihrer Landessprache zu singen. Sie geht den Weg nach ihrem Abschluss auf der Schauspielschule mit ganz wenig Geld, geliehenen Schuhen und der Rucksack ist auch nicht ihr eigener.

Bei den Liedern wird mir ganz warm ums eigene Herz und einige Schübe von Gänsehaut am ganzen Körper holen mich in eine surreale Traumwelt und weg vom Stress der Straße. Wunderschön. Dankbarkeit im Herzen und ihre Stimme ist wunderschön. Nach drei nacheinander gesungenen litauischen Volkslieder beschreibt sie die Texte auf Englisch und mir wird klar. Das Leben in allen Menschen, der Länder unserer Erde, wird geprägt von der Sehnsucht nach Glück und Liebe.

Bei unserem letzten treffen hatten wir beide schon unsere staubige Pilgerkleidung abgelegt. In einem Innenhof einer kirchlichen Herberge trafen wir uns zuletzt. Ich durfte etwas mehr über dich erfahren. Dein Körper schmückte ein einfaches Leinenkleid, es hatte dir deine Oma mit 90 Jahren genäht und mit auf deinen Weg durch Spanien mitgegeben. Dein Papa war einstmals ein Physiker und wechselte den Beruf zum evangelischen Priester. Deine Mutter ist allgemein Medizinerin und dein Bruder wird Pilot. Dir gegenüber steht ein ehemaliger Fabrikarbeiter, der, der sich auf den Weg zum Geschichtenerzähler aufmacht und gerade jetzt in seinem Tagebuch von dir liest. Dann folgte der Abschied aus dem Tag im Hof, meine Mission in die Stadt zum Abendessen einfangen gehen. Du kochtest Kaffee und hast die schmutzige Wäsche gewaschen.

Zurück zum JETZT.

In einer Ortschaft am Weg beschließen wir zu pausieren und suchen eine Bar auf. Ich lade dich zu einem Cafe con Leche plus O-saft ein. Aus deinem Rucksack wandert eine Birne und ein paar Kekse, brüderlich geteilt, wir sitzen außerhalb der Bar. Nach einer guten halben Stunde geht es weiter in Richtung Compostela. Irgendwie finden wir keinen gelben Pfeil mehr. Haben wir uns verlaufen? Wir irren durch den kleinen Ort und treffen das Mädchen aus Tirol mit dem verbundene Knie, nach dem Treffen in Leon hier gleich wieder. Und keine Schoßhunde in Form von Männern bei ihr. Aber eine weitere Bekannte von dem Ort mit meinem (vorerst) letzten Treffen mit dem Paradiesvogel vom Camino. Die Italienerin die, die sich in ihren Skilehrer in Tirol verliebte und jetzt mit ihrem Mann in Tirol den gemeinsamen Lebensmittelpunkt hat. Bevor wir die beiden trafen und nun wieder auf dem richtigen Weg sind, liefen wir in alle Himmelsrichtungen mit der zwanghaften Suche nach den gelben Pfeilen. Wir sind wieder da und weiter geht der Pilgertag.

Es geht aus dem Ort und der Camino wird an diesem Tag noch ekliger. Ein schmaler Weg an dem zwei Person nicht wirklich aneinander vorbei kommen wird unserer gemeinsamer weiterer Weg. Hintereinader her zulaufen und sich zu unterhalten ist auch unschön. Die Strecke richtig übel, Hitzeflimmern, Abgase pfui und zum Teufel gesendet. Schatten auch Fehlanzeige. Ein kleiner Graben schützt uns beide vor den Autos auf der Landstraße. Endlich finden sich ein paar wenige Quadratmeter Schatten und ich merkte zuvor schon die Müdigkeit des Mädchens an meiner Seite. Unser guter Zeitpunkt um zu rasten. Ein älteres Ehepaar kommt vorbei und spendiert uns von ihrem Wasser, wir nehmen diese Geste sehr gerne an. (Dies obwohl wir eigenes Wasser noch hatten) Für kurze Zeit schlafen wir mit den Köpfen auf den Rucksäcken am Boden liegend. Der Lärm der Fahrzeuge kann uns dabei nicht hindern, er ist in der Erschöpfung einfach ausgeblendet.

Nach der Rast und weiteren Kilometer per Fuß erreichen wir Hospital de Órbigo und der Weg führt uns zu seiner eigentlichen zarten Schönheit zurück. Die tolle mittelalterliche Steinbrücke führt uns herüber zu einem Einkaufsladen. Nach dem Einkauf und einem Schattenparken unter Bäumen kommt ein Sunnyboy auf uns zu. Ich hatte ihn in der letzten Herberge getroffen und meine kleine Schwester kannte ihn schon länger. Fühlte ich aus dem gesprochenen heraus. Mein Schulenglisch wird auf dem Camino immer wieder aufgefrischt und deutlich besser. Das mag ich sehr und ich wundere mich über meine eigene Angst, es nicht sprechen und trainieren zu wollen!

Ein Alphatier dieser braungebrannte Däne. Durchtrainierter Body hoch Zehn, ein Lächeln aus der Zahnpastawerbung, volles Haar mit blonden Strähnchen. Sein Weg hier in Hospital de Órbigo erst einmal zu Ende, sein Camino. Der Wettkampf mit dem gewünschten sportlichen Weg funktioniert hier nicht. Zum wiederholten male zeigt mir der Jakobsweg seine Grenzen auf. Also nicht direkt mir persönlich, ich gehe mein Tempo, lasse die Vorgaben des Weges an mich zu. Zurück zum Punkt. Dem Dänen seine Füße waren am Arsch, in der letzten Albergue zogen die Hospitaleros unzählige Fäden mit der Nadel durch seine Blasen. Hmmmm. Jetzt hatte ich dies auch einmal erlebt. Zur weiteren großen Freude des Tages taucht mein Lieblingspilger aus Schottland endlich wieder auf. Seit dem dritten Tag trafen wir uns fast tagtäglich und dann war Allen einfach wech. Auch sein einer Fuß wollte nicht mehr und er fuhr auf seinem zweiten Camino zum ersten mal mit dem Bus eine Tagesstrecke. Nach weiterem Smalltalk mit ihm, wusste und spürte der Kai, Allen wir sehen uns wieder.

Nach all dem Tratsch gehen meine kleine Schwester und ich weiter in Richtung Tagesziel. Nach dem Ortsausgang stehen wir an einem Abzweig und zucken beiden mit unseren Schultern. WIR wissen nicht weiter! Auf im Reiseführer nach dem Weg zu schauen habe ich keinen Bock. Ich entschließe mich für das Spiel, das Spiel mit der Münze und dem weiteren resultierenden Schicksal.

Der Camino hatte mir vor Tagen ein Geldstück zukommen lassen, eines aus dem Jahr vor der Umstellung zum Euro. Meine Anreise über Bordeaux und wo liegt dies schöne Stadt? In Frankreich.
Mein Portemonnaie zog ich aus der Hosentasche, das ½ France Geldstück wanderte in meine Hand.

Du Schwester darfst entscheiden … Zahl oder …

Das Münzstück flog durch die Luft, meine Hand fing es mit der rechten Hand. Diese Hand klatschte es auf den unteren linken Arm. Und das Schicksal entstand. Wir gehen nach rechts …

Buen Camino und allseits einen schönsten Abend  🙂

Pilger Kai ❤

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