Noch 26 Kilometer bis Leon – mein Tag Nr 16 am 15 Juli 2015.


Ich erstelle eine kleine Einkaufsliste: Kugelschreiber, 2. Tagebuch, Arnika Gelee. An diesem Morgen stand ich für meine Verhältnisse extrem früh auf und zwar um genau 6 Uhr 20. Eine Stunde später verlasse ich den Ort Religios mit der tollen Bar Elvis. Der Camino geht weiter, kurz nach dem Ortsausgang treffe ich wieder meinen niederländischen Freund. (Vollmondnacht in Puente la Reina) Er hatte unter freiem Himmel geschlafen und sein Herz hat sich verliebt. Er beschließt auf eine Ungarin zu warten, dies obwohl er sich nicht sicher sein kann ob sie hier vorbei kommt. Es gibt noch einen parallel verlaufenden Weg. Ich pausiere nochmals und wir quatschen ordentlich auf Englisch und auf Deutsch. Ein Franzose kommt hinzu und verwickelt uns beide in ein Gespräch. Er kam uns entgegen und dreht sich in aller Seelenruhe erst einmal einen Joint. Mahlzeit … denke ich mir. Kiffen war Achtziger. Er ist auf seinem Rückweg nach Frankreich und im Winter 2015 pilgerte er nach Santiago de Compostela. Damals lag hier Schnee auf der Hochebene. Schwer vorstellbar weil wir uns gerade im Hochsommer befinden und die Sonne am Himmel ihre Kraft verbreitet, dies schon früh am Morgen. Aus diesem Grund gehen viele Pilger auch schon zeitig um 5 Uhr in der Früh los. Mir persönlich macht die Hitze nicht so viel aus, ich liebe es an den Nachmittagen alleine unterwegs zu sein. Mit mir, mit Gott und der Welt. Auseinandersetzung mit sich selbst, die, die ich suche und gerne aufsuche. Ich verabschiede mich von den Beiden und Wünsche meinem Pilgerfreund und seinem liebenden Herzen viel Glück & buen Camino. Loslassen.

Nach einiger gegangener Wegstrecke pausiere ich erneut an einem Brunnen im Schatten und schütte literweise Wasser in meinen Körper. Durch den kompletten Gesundheitscheck bei meinem homöopathischen Hausarzt (alles bestens) habe ich ein unglaubliches Vertrauen in mich. Ein Student aus Dänemark kreuzt meinen noch jungen Tagesweg und wir laufen gemeinsam bis Leon. Der Weg wird unschöner und führt an einer großen Landstraße entlang. Daran befinden sich Einkaufsgeschäfte und Unternehmen. Auf einmal liegen zwei tote Vögel vor uns und sie hinterlassen Fragezeichen in unser beiden Köpfe. Ich kämpfe mit mir, weil ich nicht abergläubisch bin, doch ist ein komisches Gefühl in mir. Dies kann ich nicht verdrängen und loslassen. Seltsam aber wahr.

Nach dem Einlaufen in die Stadt klingelt mein Magen an und ich verspüre Hungergefühle. Wir gehen einkaufen und ein abgepackter Kuchen findet den Weg zu mir, dazu Cola für den Zuckerhaushalt, Kurzzeit-Energie. Im Schatten geparkt fangen wir an zu essen. Ich schlinge den Kuchen in mich hinein, dann entdecke ich Schimmel und übergebe mich ein wenig. Hey, Begegnung mit den toten Vögel wolltet ihr mich vorwarnen? Ich spucke das Zeug aus und beschwere mich daraufhin im Laden. Die Verkäuferin zeigt mir die anderen eingepackten Kuchen in der Kühltheke und siehe da, alle mit dem selben Haltbarkeitsdatum versehen. Alles gut, nur meiner nicht, mein Hunger ist vergangen. Ich bekomme mein Geld zurück und ziehe weiter in die Innenstadt von Leon. Prachtvolle alte Häuser schmücken den Weg zur Kathedrale von León. Meine Lebensfreude kehrt zurück und dies obwohl mir bisher die Städte auf dem französischen Jakobsweg Energie zogen. Ruhe Rast und Pause in einem Straßencafe. Diesmal guter etwas teurer kuchen und mein geliebter Milchcafe. Den recht jungen Dänen hatte ich beim Kauf des Arnika Gelees in einer Apotheke verabschiedet. Hehe, und jetzt beim schreiben fällt mir die unglaubliche Dichte an Apotheken am Camino auf. Die verdienen an den Pilgern gutes Geld. Bedarf ist immer da.

Beim Tagebuchschreiben kommen bekannte Gesichter der Tage und Wochen zuvor auf mich zu. Die Blonde aus Deutschland die mich auf dem Weg von Burgos nach Hontanas an schnupperte. Und ich ihrem Tempo nicht standhalten konnte. Unglaublich ihr Wille zum gehen, niemals war sie groß auf reise und dann auf dem Weg durch Spanien und ihrer Suche zum eigenen Wesen gibt sie mächtigst gas. Und die optisch süße dunkelhaarige Österreicherin, diese den Camino sportlich gehen wollte. Im Nachhinein lache ich gerade, nicht über diese beiden Frauen. Nein. Sondern über die macht des Weges und seiner Vorgaben. Beide Mädels hatten jeweils ein Knie verbunden.
Der Weg gibt das Tempo vor, nicht wir dem Weg.

Buen Camino 🙂

Pilger Kai ❤

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