Vollmondnacht in Puente la Reina. (Teil 1)


Mein Tag drei geht am Rio Arga zu Ende. Die alte Brücke beinhaltet den Weg aus der Stadt heraus, der Jakobsweg geht dort weiter. Heute ist für mich Schluss an meinem dritten Pilgertag, genau hier auf dem Grünstreifen unten am Fluss. Ich blasse meine Isomatte auf und lege mich zum etwas schlafen in den Schatten der aus vielen Steinen gemauerten Brücke. Eingekauft hatte ich noch kurz zuvor in einem kleinen Supermarkt in Puente la Reina. Nach dem kurzen Schlaf an diesem wiederholt sehr heißen Tag vespere ich ausgiebig und bewege meinen Arsch nicht mehr wirklich in die Stadt zurück. Oben an der Brücke gibt es eine Wasserquelle, dort betreibe ich Katzenwäsche und tanke meine Wasservorräte auf. Ich muss ja wirklich meine Begeisterung zum Camino Frances äußern, sehr sehr oft gibt es Trinkwasserquellen mit einer hervorragenden Wasserqualität.

Dann kommt der Holländer vorbei, er der mit mir im Ort Zubiri im Schatten saß und die gleichen Lebensmittel in sich hinein schaufelte, diese wir unabhängig von einander gekauft hatten und wir uns begegneten. Fast wortlos saßen wir im Schatten und mampften Kirschen, Joghurt und tranken Cola, Cola für den Zuckerhaushalt. Zubiri ist baskisch und bedeutet „Ort an der Brücke“. Und jetzt btreffen wir uns wieder in Puente la Reina, an der Brücke … Ihm ist noch unklar ob seine Weg an diesem Sommertag weiter über die Brücke aus der Stadt führt. Wir begeben uns gemeinsam runter zur Grünfläche am Fluss. Es ist komisch, ich weigere mich immer noch nach drei Tagen auf dem Jakobsweg mein Schulenglisch zu sprechen und damit ziehe ich Pilger an, aus anderen Ländern, die die etwas Deutsch sprechen. Der Weg gibt einem nette Denkanstöße. Ich glaube mittlerweile zu wissen, dass es sehr schwer für Außenstehende zu begreifen ist, welch Spirit dieser Energiegeladenen Pilgerweg bereit hält, bereit für Bereite und bewusste Menschen. Und solche die sich auf den Weg machten … wie mich.

Als wir uns auf der satten kräftigen grünen Rasenfläche am Fluss unterhalb der Brücke niederlassen, lege ich mich unbewusst in Kreuzform nieder. Ich starre in den Himmel über mir und da tauchen zwei Flugzeuge auf, ihre Kondensspuren hinterlassenen ebenfalls ein Kreuz. Mein Körper geerdet am Boden und ihres am Himmel über mir. Break hier mal ganz kurz.

(ich blättere eine Seite im Tagebuch weiter und empfinde das Aufgeschriebene als wichtig)

Eine Ortschaft vor Puente la Reina in Obanos treffe ich auf ein etwas blindes weibliches Wesen. Sie ist dabei sich zu verlaufen und rufe ihr: „turn right here!“hinterher. Sie wird auf mich aufmerksam und geht auf mich zu. Als wir uns treffen spricht sie mich direkt auf deutsch an. Dann erwidere ich ihr das ich tatsächlich Deutscher bin. Sie bricht fast in Tränen aus und fängt noch im Stehen an, mir ihre Geschichte, von ihrem Jakobsweg im voran gegangenen Jahr zu erzählen. Sie ist 55 Jahre alt und hatte einen tollen Partner ganze 15 Jahre lang, dann ist er stark psychisch erkrankt. So heftig, dass er alles stehen und liegen hat lassen, er ist spurlos untergetaucht. Weg, weg, wie vom Erdboden verschluckt. Diese erlebte Situation hatte seine Spuren hinterlassen und als einzigen Ausweg kam der Jakobsweg ins Spiel. Im letzten Jahr der Entschluss 280 Kilometer nach Santiago de Compostela zu pilgern von ihr. Und an ihrem Ankunftstag bei der Pilgermesse in der Kathedrale trifft sie auf Ihn. Er erkennt sie nicht mehr. Sie wird trauriger den je, stellt sich die Frage: „Was ist aus dem geliebten Menschen bloß geworden?“ Was ist ihm und mit ihm passiert?

So viel Herzschmerz nimmt sie dann letztes Jahr mit nach Hause und eigentlich wollte sie ihr Herz zur Heilung führen. Eine Aufgabe und Lektion des Weges an sie? Keine Sorge, liebe Leser, es wird noch wilder hier in dieser Erzählung vom Camino Frances. Ein Jahr später trifft die Dame die Entscheidung den ganzen Camino Frances zu pilgern. Ab Saint-Jean-Pied-de-Port und bis nach Finisterre ans Ende der Welt. Am 29.06.2015 startet sie und begibt sich auf den Weg über die Pyrenäen nach Roncesvalles. Oben in den Bergen kommt ihr ein Pilger entgegen. Ihr ehemaliger Lebenspartner. Sie bricht in Tränen aus und flüchtet.

Jetzt verstehe ich sie etwas besser und kann verstehen warum sie die Begegnung mit mir so wichtig fand. Ich bin sprachlos und fühle in diese tiefe erste unheimliche Caminogeschichte hinein.

In Teil 2 von Vollmondnacht in Puente la Reina geht es zurück zur Brücke am Rio Arga …

Pilger Kai ❤

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