Burgos – Hontanas – Santiago de Compostela – Muxia Deutschland – Belgien – Schweiz


Burgos – Hontanas – Santiago de Compostela – Muxia

Deutschland – Belgien – Schweiz

Sehr spät am Tag kam ich in Burgos an und ich hatte die gehärteten Einsätze für meine Wanderstöcke nicht besorgen können. Durch das gehen auf Kopfsteinpflaster hatte ich beide Einsatzspitzen verloren. So ein kleiner Mist.
Mich verschlägt es nach dem Besuch von zwei Sportgeschäften und dem Tagesanschnitt von über 40 Kilometern in die stattliche Herberge in Burgos. Im 6 Stockwerk bekomme ich ein günstiges sauberes Bett für 5 Euro. Das Gebäude mit samt Einrichtung sieht optisch neu und gut in Schuss aus. Trotz den massig Betten im Raum fühle ich mich gut und aufgehoben.
Nach der ausgiebigen Dusche lerne ich meinen Bettnachbar Patrick aus Belgien kennen.
Wir ziehen zusammen los und auf dem Weg zum Supermarkt drehe ich ihm eine Zigarette. Wir schlendern rauchend gemütlich durch die schönen Gassen der Stadt. Patrick spricht etwas Spanisch und somit wird uns der Weg zum Supermarkt beschrieben.
Nach dem Einkauf für ein kaltes Picknick pflanzen wir uns zusammen auf die mächtige Treppe an der Kathedrale.
Bei mir gab´s viel Obst, Süßteilchen und Trinkjoghurt. Bei Patrick klassisch Baguette mit Käse.

Witzige Begegnung, wir beide ungefähr gleich alt, 40ig plus 1 und plus 3 Jahre. Ich bin vor 2 Jahren aus der Industrie ausgestiegen in meine Freiheit. Patrick war bis vor kurzem LKW-Fahrer, nach einem Bandscheibenvorfall im Winter des Jahres 2014/2015, musste er zwangsläufig seinen Job an den Nagel hängen. Ihm wurde ein Titanstück in die Bandscheibe eingebaut.
Jetzt ist er am überlegen wie es bei ihm weitergehen kann. Er träumt von der Arbeit als Entwicklungshelfer in Afrika. Aktiv die Welt mit Brunnenbau zu verbessern, sein Traum.

Für uns beide gibt’s jetzt erst einmal den Camino Frances zum loslassen unserer alten Leben. Leerlaufen und sich selbst besser kennen, schätzen und lieben zu lernen. Frei im Geist zu werden und das Vertrauen zurück zugewinnen, dass letztlich alles seinen Sinn hat. Whatever.

Wir wurden beide nicht alt an diesem Abend und gingen vor 21 noch zu Bett. Meine Müdigkeit war damals so groß, dass ich nicht einmal mehr mein Tagebuch mit Wörtern füllte. Ich bin gleich eingeschlafen und wurde erst morgens durch den großen Aufbruchslärm wieder geweckt.

Patrick war weg.

Der Camino ging ohne ihn weiter … doch nicht lange. Am Abend in Hontanas trafen wir uns
wieder. Unsere Freude groß darüber, dass wir beide den gleich langen Tagesabschnitt gewählt hatten und dazu noch in der gleichen Herberge abstiegen. Beim Pilgermenü fanden wir neue Freunde, einen Franzosen und eine Ehepaar aus der Schweiz. Eine lustige muntere Runde. Wir erzählten uns Geschichten und lachten viel zusammen. Dieser tolle Abend bleibt mir gut in Erinnerung. Dankeschön an alle Beteiligten. Für mich stand bald fest das ich nach 10 Tagen pilgern einen Ruhetag brauche. Nicht weil ich schlapp war, nein in Pamplona hatte ich mir unter dem linken Fuß, vorne beim großen Zehen, meine einzige Blase auf dem ganzen Camino gelaufen.
Sie war mächtig groß und zur Entlastung der Schmerzstelle lief ich krumm. Dadurch wiederum schwoll mein linker Fuß am Gelenk an. Es fiel mir sehr schwer zu ruhen und erst durch den Rat von erfahrenen Pilger gab ich klein bei und entschloss mich zum Pausieren. Hontanas hat ja ein öffentliches Schwimmbad. Hurra und alles gut.
Die anderen zogen am nächsten Morgen weiter. Und ich blieb bei besten schönsten Wetter dort.

13 Tage später an meinem 2 Ruhetag in Santiago de Compostela zog ich durch die Straßen und genoss meine Ankunft dort. In den Bars sprach ich mit Menschen aus der ganzen Welt, dazu immer wieder lecker Cafe con Leche. Ich wurde in Spanien zum Cafesüchtigen. Auf dem Rückweg zum Schlafplatz stolpere ich dem Patrick über den Weg. Schlimm sah er aus, einfach fertig und gezeichnet. Sein rechtes Knie, fast sein halbes Bein eingepackt in Mullbinden. Ich wollte ihn gerade fragen ob er noch weiter nach Finisterre zieht. Das erübrigt sich, da er von sich aus mir sagte: „Du Kai – für mich ist hier Schluss, ich habe mein Ziel erreicht!“ Er kam gerade mit einer kleineren Gruppe erst an und somit hatten sie die Aufgabe sich allen noch Schlafplätze zu suchen.
Also wieder Abschied. Mir war zu diesem Zeitpunkt nicht bewusst, dass wir uns wahrscheinlich niemals mehr wiedersehen werden. Es ging alles viel zu schnell und zu überrascht, unsere Kommunikation auf Englisch zwischen Türe und Angel. Toller Kerl und ein großer Kämpfer.
Es ist gut wie es ist und wer weiß … vielleicht liest ja irgendwie, irgendwer diesen Text von mir der den Patrick kennt. Sag niemals nie!

Für Patrick zählte wirklich der Caminospruch: „no pain – no glory!!!“

Mein Camino ging weiter, in drei Tagen nach Finisterre ans Ende der Welt und nach weiteren 3 Ruhetagen dann weiter nach Muxia. In Muxia hatte ich eine der besten Zeiten meines Lebens. Herzlich Willkommen und garantiert auf ein Wiedersehen dort im zärtlichen Fischerort.
Eines Morgens wird unten im Eingangsbereich der Herberge Arribada mein Name gerufen. Ich stieg gerade die Treppen in den ersten Stock hinauf. Ich traute meinen noch müden Augen nicht. Das Ehepaar aus der Schweiz ruft mich. Wir verabreden uns auf einen Cafe in einer Bar im Hafen zum reden. Sie wohnen auch schon seit dem Vortag in dieser tollen fast neuen Herberge. Wahnsinnig schön immer wieder auf Freunde des Weges zu treffen. Unglaublich was dieser Camino für Geschenke bereit hält.

Am Nachmittag in der Bar die Frage der Beiden ob ich etwas vom Belgier Patrick wisse?
Ich konnte ihnen die gute Nachricht übermitteln, dass er sein Ziel Santiago de Compostela erreicht hat. Die Erleichterung stand den beiden in ihren Gesichtern geschrieben. Sie freuten sich für ihn!
Nämlich sie trafen Patrick noch öfters und bei ihrer letzten Begegnung sah er nicht gut aus. Patrick lag den ganzen Tag mit Fieber im Bett. Das Ehepaar aus der Schweiz versorgte ihn mit Medikamenten und kalten Wickeln. Der Rat zum Arzt zu gehen bzw. ihn in die Herberge kommen zu lassen gab´s zu ihrem Abschied am darauffolgenden Morgen.
Eine Woche verging und sie sahen Patrick nie wieder. Unterwegs auf ihrem weiteren Camino besuchten sie die ein und andere nett aussehende Kirche. In einer davon wollten sie einen Eintrag ins Gästebuch schreiben, beim öffnen und darin blättern … gab es eine freudige kleine Überraschung.
Ein Eintrag von Patrick aus Belgien. Er hatte sich wieder vom Fieber erholt und das Schweizer Ehepaar überholt.

Das ist Camino mit seinen Geschichten wie ich sie liebe!

Und lieber Patrick: „DU bist ein Teufelskerl und nicht klein zu kriegen! Ein ❤ für DICH.

Buen Camino & ultreia 🙂

Kai Peter Jasny

Kathedrale Burgos

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