Das Ende am Ende der Welt.


Es kam der Tag da musste auch wieder nach langer Zeit in einen Bus steigen und Abschied vom Ende der Welt nehmen. Schon einige Male stand ich vor dem Bus und verabschiedete mich von ganz großartigen Menschen.
Heute war nun mein Tag des Abschiedes von Finisterre. Ich spürte noch leicht Harndrang, folgte der Spur aber nicht, ich dachte im Bus nach Santiago de Compostela gibt’s ja ein WC, sicherlich, schließlich sind die Fahrgäste 3 Stunden oder mehr unterwegs.
Kurz und schmerzlos gab ich dem Fahrer im Gepäckraum meinen Rucksack zum verstauen und stieg in den Bus ein. Oben im 2. Stockwerk suchte ich mir ganz hinten den Platz in der Mitte, der mit am meisten Beinfreiheit. Schließlich braucht ein Mensch mit stolzen 202 cm an Körpergröße genügend Raum zur Freiheit der Beine. Der Tag, mein Abschiedstag war ein regnerischer Tag und somit fiel mir das Loslassen etwas leichter.
Die Busfahrt fühlte sich merkwürdig für mich an, zum einen war ich wochenlang zu Fuß als Pilger unterwegs und zum anderen, ist die Richtung nach Osten auch ungewohnt, meine Heimat die ich verließ liegt weit östlich, von Spanien aus gesehen. Der Jakobsweg gibt die Richtung gen Westen an. Die Sonne beim Aufgehen im Rücken und zum Sonnenuntergang im Gesicht.
Dazu spielte sich ein Kopfkino in mir ab, wenn ich meine Augen schloss, um in den Schlaf zu fallen. Mein Camino rauschte innerlich in einem wahnsinns Tempo an mir vorbei. Als ob sich die Tage auf dem Camino zu Jahren im realen Leben transformieren.

Es konnte gar nicht anders kommen und ich musste auf die Toilette. Das Klo war verschlossen, was nun? Noch 1,5 Stunden die Beine zusammen drücken und mir den Toilettengang verkneifen? Nein.
Ich stellte das Denken hinten an und ging zurück zu meinem Sitzplatz. Es wird sich sicherlich eine Lösung finden. Und genauso geschah es auch eine spanische Mitreisende musste auch ihre Blase entleeren. Sie sprach mit dem Busfahrer darüber und an einer an der Straße gelegenen Bar hielt er an.

Ich habe 2 Menschen noch nie so schnell laufen gesehen …

Am Pissoir angekommen packe ich die Rübe aus und es gelang mir nicht richtig gut zu pinkeln. Die Angst überkam mich, dass der Bus ohne mich weiter fährt. So ein Quatsch und Quark!
Erst wollte der Urin nicht aus mir heraus, dann tröpfelte es nur, anstatt satt aus mir raus zu fließen. Erst als ich mir bewusst machte, was schief lief, ging es vortrefflich.

„Was löste mein Angst wirklich aus? Womit löste ich die Angst auf?“

Ich war kurzzeitig vom Weg abgekommen. In Compostela angekommen begrüßte mich erneut der Regen. Der Busbahnhof ist mächtig und die Menschen verließen ihn in unterschiedliche Richtungen und mit unterschiedlichen Hilfsmitteln: Taxi, privat PKW´s, oder einer weiteren Busfahrt.

Ich ging zu Fuss.

Als ich die schnucklige Innenstadt erreichte hatte ich keine Lust mehr auf Massenquartiere, ich fühlte mich nicht mehr als Pilger. Ich war eher Beobachter und Suchender. Diesmal auf der Suche nach einem Einzelzimmer. Feucht klitschig und ernüchternd war diesmal meine Schlafplatzsuche. Bis ich in einem kleinem Hotel vorsprach. Hier war ich wieder gern gesehener Gast und ich fühlte mich vom ersten Moment an willkommen. Dies obwohl sie kein Zimmer für mich hatten. Trotzdem fand mich die richtige Adresse. Ein Handy wurde gezuckt und nach einigen Minuten bekam ich Bescheid, der Hinweis folgte die Straßenseite zu wechseln. Dort klingelte ich an der Türe von einer Pension. Eine Frau öffnete mir die Türe und wir stiegen zusammen die Treppen hinauf. Ein super süßes Zimmer empfing mich. Doch das Bett war deutlich zu kurz und es hatte unten am Fußende einen Metallrahmen. Nichts mit Beinfreiheit. Die liebe Frau zuckte auch ihr Handy und rief eine weitere Pension an. Dort durfte ich dann bleiben. Es war so lieb von mir, dass sie mir den Weg dorthin zeigte. Zeigen im Sinn von mit Regenschirm hinführen. Dankeschön!

Nachdem ich mein Quartier bezogen hatte ging ich in die Stadt, kurz vor der Kathedrale blieb ich vor einer Muschel stehen, die als Wegmarkierung einfach da war. Ich starrte die Muschel am Boden an und ihr Anblick hielt mich fest. Dann wanderte mein Blick in Richtung Himmel. Eine weiße Feder segelte elegant durch die Lüfte.

Ich versuche die Elegantheit jetzt zu beschreiben:

„Viele kennen es wenn eine Lindenbaumfrucht an einem Blatt hängt und propellerartig durch die Lüfte auf zum Boden segelt. Der Baum lässt seinen Samen los und hofft auf den Wind, dass dieser Wind seine Frucht trägt und ein neuer Baum mit Wurzel entstehen kann. Ähnliche Flugeigenschaften hat dieser Samen des Nasenflügelbaumes. Als Kind spaltete ich oftmals einen Flügel und klebte diesen dann auf meine Nase.“

Wie heißt dieser Baum doch wieder?

In Spiraldrehung verfangen segelte die Feder nun senkrecht nach unten, meine Hand schnappt nach ihr. Doch etwas zu langsam sie glitt mir sprichwörtlich durch die Finger. Sie folgte ihrer Bestimmung und sie fand sie. Ihren Platz. Direkt neben der Jakobsmuschel.

Welch Zeichen: „Ich werde Schreiben – Punkt!“

Kai Peter Jasny

Feder Muschel

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