Mein Rückweg zum Ende der Welt.


Irgendwie spürte ich das ich Muxia nach einer Woche dort verlassen sollte. (ansonsten bleibe ich dort wirklich kleben) Obwohl es sicherlich nicht der schlechteste Ort der Welt ist, um dort bis zum Lebensende zu leben. Ich wunderte mich eh die ganze Zeit, dass hier nicht ein Arsch voll Malern und Schriftsteller lebt. Ein sehr inspirierender Fischerort, wirklich.
Die Zeit war wunderschön und mit ganz viel Freude im Herzen hier in Muxia. Ist es eine einmalige Erscheinung, dieser nie wieder erreichbaren Leichtigkeit des Seins!? Ich weiß es (noch) nicht, werde meinen Glauben daran nicht verlieren, dass eine Wiederholung doch möglich ist.
So packte ich erst sehr spät am Morgen meinen Rucksack und zog mit einem leicht weinenden Herzen los in Richtung Ende der Welt. Ja, in Finisterre wollte ich nochmals zum Lighthouse. Und eine Nacht unter freiem Himmel am Hippiebeach verbringen. Das war mein grober Plan.

Ich spürte ziemlich schnell das was nicht stimmte mit mir und in mir. Keine Leichtigkeit beim gehen. Es fiel mir schwer mich von Muxia zu lösen. Ähnlich zweier Magnete die sich anziehen.
Trotz das ich mich 7 Tage lang ausgeruht und erholt hatte ging´s nur schleppend voran.

Sag mal Kai was ist bloß los!

Ich pilgerte meinen Weg und ich Verstand auch bald, dass es nich gerade leicht ist den Camino rückwärts zu gehen. Wenn man an einen Abzweig kommt ist meist der nächste Hinweisstein oder der gelbe Pfeil genau dort wo man lang gehen bzw. abbiegen soll. Anders herum wird’s seltsam komisch.
Meinen Lieblingsschotten den Ellen traf ich seit meinem dritten Caminotag regelmäßig, fast schon täglich. Zuletzt in Finisterre – an einem Abend an dem ich alleine Abendessen wollte, saß er in dem ausgewählten Restaurant und er war ziemlich am Sack. Wir plauderten auf Englisch und er erzählte mir von seinem Verlaufen auf dem Weg von Muxia zurück. 6 Stunden regulär plus 5 Stunden Umwege. Er betrank sich gnadenlos mit Brandy und mit Bier. Ich kann es verstehen und konnte es nachvollziehen.

Was passierte mir … ich bog falsch ab und lief die Hügel hinauf und wieder herunter, hinauf und wieder hinunter. Bis endlich ein Abzweig kam und kein Hinweis zur Richtigkeit des Weges. Also darf die Vernunft darf bei mir siegen und ich bin umgekehrt. Hügel hinauf und wieder herunter.
Über 2 Stunden hatte mich der vermeidliche Spaß an Zeit gekostet, von der verlorenen Kraft mal abgesehen. Es ging weiter auf dem Camino in Richtung: Ende der Welt. An der Weggabelung wo ich falsch abbog, sah ich diesmal einen blauen Pfeil über einen Gelben gesprüht, in die einzige richtige Richtung. Wenn mein Geist auf gelbe Pfeile fixierte ist … kann ich einen blauen nicht wahrnehmen.

Ein paar Kilometer weiter fand ich einen Getränkeautomat in einem kleinen Häuschen und mein Körper schrie förmlich nach etwas Zucker in Form von Cola. Ähnliche Bedürfnisse verspürten auch weitere Pilger. Wir standen zu viert da und bildeten eine Warteschlange. Ich als letzter in der Schlange. Das erste Getränk flutschte aus dem Automaten, und eine weiteres folgte. Der Dritte in der Warteschlange hatte nicht genug Münzgeld und eine Frau schenkte ihm den fehlenden Betrag.
Die Drei verließen den Ort des Geschehens und ich stand alleine da. Ohne genügend Münzgeld musste ich nun feststellen!

Was für ein Mindfuck!

So kann es einem ergehen. Ich pilgerte weiter nach Finisterre. Das loslassen hat mich der Weg gelehrt. Etwas trieb mich vorwärts und gleichzeitig hielt mich auch etwas fest. Ich kann es mir bis zum heutigen Tag noch nicht wirklich erklären. Ein Zustand ohne Befund.
In Santo Estevo de Lires angelangt (halbe Strecke zwischen Muxia und Finisterre) war ich doch tatsächlich zu faul vom Weg abzugehen und mich in eine Bar zu bewegen. Whatever. Ich trank etwas Wasser und füllte meine Wasservorräte nur auf. Wie bescheuert ich doch damals wahr.

Der Camino wurde zur richtigen Qual, zu meiner großen Qual. Mein rechtes Schienbein fing an sich zu melden. Als ich es mir anschaute erschrak ich. Eine Beule zeigte sich am Schienbein und es tat von Schritt zu Schritt höllisch weh. Weiter und immer weiter, mein falscher Stolz. Ich zahlte meinen Tribut. An einer Bushaltestelle konnte ich nicht mehr und zog meinen Rucksack vom Rücken. Schlafen, ich wollte mich hinlegen und nur noch schlafen. Das tat ich dann auch. Erst ca. eine Stunde später kam mein 62 jähriger Freund, der ehemalige Landwirt aus der Bretagne. Er weckte mich und fragte was mit mir los sei. Ich schilderte ihm meine Lage und er verstand mich.
Er berichtete mir ein, sein ähnliches Erlebnis auf seinem Camino. Wir rauchten gemeinsam jeder seine Zigarette und meine Energie kam zum Glück zurück. Ich ließ ihn weiter ziehen, weil ich wusste das es mir wieder besser ging. Buen Camino mein Freund. Nach einer weiteren halben Stunde stand ich wieder auf und konnte trotz schmerzenden Schienbein weiter gehen.
Wieder ein paar Kilometer weiter kam ich an einem Sägewerk vorbei und siehe da, erneut ein Getränkeautomat. Diesmal die Cola für 1 Euro und soviel Münz hatte ich bei mir.
Super, ich freute mich wie ein kleines Kind. Jetzt noch einen Schattenplatz aufsuchen und den Zucker konsumieren. Gedacht, gesagt und getan.

Dann kam ein spanisches Pärchen an mir vorbei und sie erzählten mir von einem „Chilloutort“ nur 100 Meter von meinem Standort entfernt. Die Beiden schickt der Himmel zu mir.
Dort angekommen begrüßte mich ein Kroate super lieb. Es gab Äpfel, Orangen, Kekse und Cafe – auf Spendenbasis. Das Tüpfelchen mit dem I … ein bequemer Liegestuhl. So einfach wird ein großer Kai glücklich. Alles Leiden ist vergessen und wir unterhielten uns super gut. Ein junger Franzose der beim Kroaten vor einer Woche gestrandet war kam hinzu. Es wurde immer spaßiger. Dem Kroaten schenkte ich meine paar Worte Kroatisch, die ich von meinen 2 Besuchen dort behalten hatte.

Nun gestärkt ging´s für mich auf die letzten Kilometer nach Finisterre. Total gebügelt und unter Schmerzen fand ich mich im Bett in einer Herberge wieder. 2 Stunden schlafen und ich darf die Welt wieder neu begrüßen.

Mein Rückweg zum Ende der Welt!
Kai Peter Jansy
Oase

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