Herzlich Willkommen in Muxia.


Nach meinen etwas mehr als 935 Km durch Spanien bin ich in Muxia gestrandet und ich fühlte mich sofort zu Hause. Bei meiner Ankunft in Santiago de Compostela und der Ankunft am Ende der Welt, in Finisterre war ich schier emotional auf eine Nulllinie. Keine Bewegung in irgend eine Richtung. Ein Gefühl von Leere. Leere die nicht schmerzt, sie einfach nur vorhanden ist.
Viele Pilger sind in den beiden erwähnten Orten vor Freude im Herzen fast explodiert und wiederum andere weinten vor Glück. Ich habe es wahrgenommen und gespürt, gespürt, viele sind an ihrem persönlichen Ziel angekommen. Ich nicht. Noch nicht!

Fünf Stunden dauerte meine Pilgerreise von Finisterre nach Muxia, an Straßen, an der Küste, über Hügel und durch einige Ortschaften führte mich mein Weg dorthin. Irgendetwas ließ mich marschieren, rastlos und immer weiter und weiter.

Mein Herz das heilt etwa!?“

Dann nach ca. 32Km erreichte ich Muxia und meine emotionale Flatline verschwand schlagartig im Nichts. Alleine schon der Ausblick auf die Bucht vor dem Ort veränderte alles.
Der einsame Strand und am Hügel gegenüber die Großbaustelle. Ich nahm die Schönheit wahr. Und fühlte wieder. Die Baustelle noch unschön, aber es wird in die Landschaft intrigiert und dies gefällt mir ungemein. Das macht wirklich einen großen Unterschied.
Muxia ich heiße dich herzlichst willkommen. Willkommenen in meinem Herzen!
Die Magie griff gleich über, über mich. Im Ort angekommen setzte ich mich nach dem Essenseinkauf auf eine Steinbank im Ort. Und plötzlich wie aus dem Nichts kamen Freunde vom Camino auf mich zu. Welch Geschenk. Willkommen zu Hause, Kai. Neuanfang. Viele tolle Gespräche folgten.

Mein Plan vor dem Camino Frances war es eine Woche in Finisterre zu zelten und jeden Abend auf die Sonne im Atlantik untergehen zu sehen. Dort wollte ich meditieren und mich in meine Stille zurück ziehen. Haha, der Plan war gut, er hat bloß nicht funktioniert.
Es sollte Muxia werden wo ich eine Woche lang meine Seele erholen lassen würde. Planlos.
Viele haben mir unterwegs berichtet, dass der Fischerort gut für die Seele sei und ich habe es ihnen allen geglaubt, und so wurde mein Glaube zur Wirklichkeit. Meiner Wirklichkeit.

Doch nicht im Zelt, sondern eine nigelnagelneue Herberge fand mich und ein tolles stabiles Holzdoppelbett mit Vorhang wurde mein Ruhequartier. Fast wie auf einem Schiff mit Kajüten.
Meine Nächte auf dem Camino waren nicht lange, die meiste Zeit war ich nach Distanzen über 35 Km am frühen Abend hundemüde und ging um 21 Uhr meist schlafen. Vor 7 Uhr morgens stand ich nie auf, eher später.
Hier im Ort ohne große Pläne und den Kopf durch den Camino entleert, wurde alles anders. Ich veränderte mich erneut und dadurch die Menschen in meinem unmittelbaren Umfeld auch.
Eine, meine Sorgen freiste Zeit in meinem bisherigen Leben begann. Ich durfte meine Wäsche Menschen die eh ihre Sachen mit der Waschmaschine wuschen mitgeben. Ich durfte bei Pilger die selbst kochten mitessen. Alles war gut.
Ich bilde mir viel ein in meinem Leben. Lach. Einbildung ist ja auch eine Art Bildung!
Doch dieser Ort ist ein Kraftort für mich und er segnete mich und damit meine Anwesenheit.

Dankeschön – Muxia.

… ein weiterer Morgen fand seinen Antritt, nach einer langen Nacht, bis 3 oder 4 Uhr war ich unterwegs. Der Schlaf in der Koje entspannte und dauerte bis halb 10 an. Mit dem Mädchen in der Rezeption wuchs die Freundschaft von Tag zu Tag und ich hatte das Bedürfnis meine Dankbarkeit ihr zu zeigen. Deshalb brachte ich ihr als Frühstückskuchen mit. Der Tag war angebrochen und meinem erneuten Impuls folgte ich weiter. Am Vortag schlenderte ich an einer Bachstube vorbei und ich sah im Schaufenster leckeren Apfelkuchen. Aus den Augen und aus dem Sinn klappte diesmal nicht. Der Kuchen steckte in meinem Kopf, also Zähne geputzt und Barfuß in die Backstube. Tiefenentspannung in mir. Ich war und bin nicht aufdringlich, somit stellte ich mich hinten an. Vor mir wurde ein Kunde bedient und wenn nicht ich Zeit habe, wer bitteschön dann?
Die Eingangstüre ging auf und eine ältere spanische Dame mit ihrer zur Frau gewordenen Tochter betrat den Verkaufsraum. Trotz meinen 202 cm Körpergröße übersehen die beiden mich und drängten sich an den Tresen. Worte der Bestellung in spanisch flogen durch die Luft. Die Bestellung wurde an Hand von Brot und weiteren Backwaren überliefert. Jetzt bemerkte die Dame mich und sie fing wild an auf mich einzureden. Meine Antworten: „Schulterzucken!“
Dann sprach die attraktive Tochter mich auf Englisch an und wir kamen ins Gespräch. Sie erklärte mir das ich einfach übersehen wurde von ihrer Mutter. Ich lachte und meinte, und das bei meiner Größe. Dann lachte sie und stimmte mir zu. Jetzt mischte sich die Mutter wieder ins Gespräch ein und die Tochter dolmetschte vom Spanischen ins Englische. Eine Entschuldung folgte der Anderen. Alles halb so wild sagte ich zu ihr und ich wiederholte meinen Gedankengang von vorhin. Wenn ich nicht Zeit habe, wer dann!? Dann tauchte eine 2. Verkaufskraft auf und ich konnte den optisch ansprechenden Apfelkuchen endlich bestellen. Ich wunderte mich etwas, er wurde nicht nach den 2 Stücken die ich bestellte, mit einem Preis bemessen, sondern er wurde gewogen und ich bezahlte nach Gewicht. Satte 5 Euro für die 2 Stücke. Schluck und Abschied von allen Beteiligten.

Ich lief zurück zur Herberge und spürte ganz klar eine Veränderung meiner Gefühlswelt. Mein Herz pochte etwas wilder seinen Takt. Poch, Poch.
Wieder zurück an der Rezeption bei meiner kürzlich gefunden Freundin, der Angestellten der Herberge, spürte ich mein Verlangen. Ich wollte mit dem Schicksal spielen!
Jetzt wusste ich was mit mir los war … ich war verliebt in diesen Augenblick.
Von ihr, ihr der Tochter. Einen förmlich sprühenden leuchtenden Blick schenkte sie mir in der Backstube. Zu sehr fixiert auf mein Kuchenziel hatte mein Herz keinen Chance mich zu lenken.

Verdammt, endlich aufgewacht.

Kuchen auf einen Tisch und schnurstracks Kehrtwende, auf, auf und zurück. Ich wollte sie nach einem Wiedersehen fragen. Why not?
Austauschen und ich weiß ja, jeder Mensch hält eine Botschaft für einen bereit. Ob wir sie annehmen oder auch nicht, steht in einem anderen Licht. Ich wollte „SIE“ … nicht was ihr lieben Leser jetzt denkt. Natürlich die Botschaft – mehr nicht! Erwartungsfrei.

In der Bäckerei war sie nicht mehr. Die Gasse wurde für das Sommerfest geschmückt. Ich stand mitten in der kleinen Gasse und blickte mich nach einer Dame mit Tochter um. Keine Spur weit und breit. Dann sah ich einen Barhocker keine 5 Meter von mir entfernt stehen.
Über ihm ein lose hängendes Kabel das seine Bestimmung noch sucht. Links an der Hauswand ein Mann in meinem Alter beschäftigt mit dem Verlegen des Kabels. Vom Mädchen längst losgelassen fand ich mich auf dem Barhocker stehend wieder. Wir verlegten zusammen das Kabel und befestigten es mit Hilfe von Kabelbindern. Nach den 10 Minuten leichte spontane Arbeit fragte mich der Spanier: „willst du mein Freund ein Bier?“

Ich: „nein, ich mache gerade eine bewusste Alkoholpause!“
Er: „dann vielleicht einen Cafe con Leche?
Ich: „ja, sehr gerne.“

So fand ich mich im Restaurant wieder und wir sprachen so gut es mit unser beiden Sprachkenntnisse ging über Gott und unsere Welt.
Ich fühlte mich abermals wohl und herzlich Willkommen. Willkommen in Muxia.
Nach dem Abschied ist vor dem Wiedersehen!?

Einen Tag später fand der erste Tag des Festwochenedens statt und ich schlenderte vergnügt durch die super schön geschmückten Gassen von Muxia. Plötzlich und unerwartet griff mir wer an meine Schulter. Ich erschrak kurzzeitig etwas und drehte mich um.

Dann lächelte mich wer an …

Mein neuer Freund zog kurz an mir und er winkte mich in sein Lokal. Als weiteren Dank bestand er darauf, dass ich auf seine Kosten speisen darf.
Gutes Essen aus Dankbarkeit spendiert und mit Liebe zubereitet schmeckt doppelt so gut. Dankeschön Muxia, Dankeschön mein Freund.

Es schmeckt noch heute nach … willkommen in Muxia gewesen zu sein.

Kai Peter Jasny

Muxia

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