Von der Nacktheit und der Angst.


Nacktheit

Ich traf Stefan vor einem Supermarkt in Finisterre. (Finisterre bedeutet Ende der Welt) Ich glaube zu wissen das unsere leuchtenden Augen sich einen Tag zuvor in den Gassen der Altstadt begegnet sind. Diesmal traten wir aneinander ran und quatschten fröhlich darauf zu. Es ging soweit, dass wir beschlossen ein gemeinsames Picknick am alten Leuchtturm zu unternehmen.
Wir gingen zusammen einkaufen und pilgerten dann los, die 2,5 Km zum Faro auf dem Kap.
Oben angekommen blickten wir weit auf´s Meer hinaus. Zuerst hatten wir beide etwas Unruhe in unseren Beinen und kletterten kreuz und quer über die Felsen am Kap. Dann fand uns eine gute Stelle und das Abendessen verschwand in unseren Mägen. Zwischenzeitlich wuchs unser Vertrauen stark an und die Gespräche konnten intimer werden. Offen, klar, authentisch und direkt.

Stefan erzählte mir von einem Abend in einer im Hafen gelegenen Pizzeria. Die haben wirklich gute Pizzen dort. Den nächsten Abend verbrachten wir gemeinsam unsere Zeit dort.
Ehm, wo war ich stehen geblieben. Ach ja, Stefan war nicht alleine dort zum Pizza essen. Er hatte weibliche Begleitung, die ihm von Begegnungen mit einem großen Deutschen auf dem Camino Francés (deutsch „Französischer Weg“) erzählte. Ein Mädchen aus Kanada, die den großen Deutschen mochte, weil er sich an den vielen Schmetterlingen am Wegesrand erfreute. Sie liefen eine Zeitlang gemeinsam den Camino, doch trennte sie die unterschiedliche Laufgeschwindigkeit von einer längeren gemeinsamen Pilgerzeit. Sie trafen sich immer wieder, als ob der liebe Gott ihnen Botschaften zu verschenken gab. Annehmen oder nicht, das blieb den Beiden selbst überlassen.

Huch, der große Deutsche bin ja ich, der heidenie de Kai! Ich erinnere mich sehr gerne an die unzähligen Schmetterlinge in allen Farben am Wegesrand. Wie verstorbene Menschenseelen die sich zu einem Meer zusammen getan haben, um den lebenden Pilger den Camino mit all seiner Farbpracht zu zeigen. Seine ganze Schönheit – jetzt im Moment.
Ich erinnerte mich auch daran, dass diese Kanadierin schon im gleichen Bus saß, der, der mich nach Saint-Jean-Pied-de-Port, meinem Camino Startort in Frankreich – im Baskenland brachte.

So groß und gleichzeitig klein ist unsere Welt.

Nun berichtete Stefan von einer sehr persönlichen Angst. Er mag es nicht nackt zu sein. Ich fragte mich was es damit wohl auf sich hat!?
Schließlich sind wir alle Menschen, ob Mann oder Frau. Wir haben Brüste, Vaginas und Pimmel.
Dies in unterschiedlichen Formen und Größen. Was spielt es für eine Rolle? Wer erlegt uns diese seltsamen Schönheitsideal auf?

Die Natur? Sicherlich nicht.
Die Industrie und die Medien … da kommen wir gleich auf den Punkt.

Es werden uns Ängste auferlegt, damit wir Befriedigung und Bestätigung im Außen suchen und finden. Geld, Geld und nochmals Geld soll den Besitzer wechseln. Mehr leider auch nicht.

Wo bleiben wir? Wir sind einzigartige Wesen der Evolution und ein Wunder in, mit und aus der Natur.

Ich erinnerte mich an frühere Jahre, mein Jugend, bis weit hinein in mein Erwachsenwerden. Mein Körper ist stark behaart. Kann ich etwas dafür? „NEIN“
Trotzdem blieb die Angst davor, dass sich andere über mich und mein Aussehen lustig machen. Dies ging soweit, dass ich mich zu Hause meinen Eltern mit meinen Sorgen und Ängsten nicht anvertraute. Wenn ich duschen oder baden ging, verschloss ich die Türe hinter mir. Ins Freibad ging ich mit 18 Jahren bis 23 Jahre dann gar nicht mehr. Ins Meer oder in den See ging ich nur mit T-Shirt an baden. Keiner nahm mir diese Angst! Stimmt nicht, ich selbst nahm sie mir, nachdem ich den Schmerz der Angst deutlich spürte, sie zuließ und mich davon befreite!
Jahre später traf ich auf einen neuen Arbeitskollegen in meiner Firma, der auch stark behaart ist. Ich stellte ihm direkte Fragen im Bezug auf seine Jugend. Er erzählte mir von einem Jungen in seinem Dorf, in dem er aufwuchs.

Folgende Geschichte dazu:

„Ein Junge in meinem Dorf flog beim Schlachten von Schweinen in den Trog wo die Borsten der geschlachteten Schweine entfernt werden. Seine Haut am Körper konnte nur mit viel Mühe und Not gerettet werden.
Dieser Junge ging seit her nicht mehr Nackt unter Menschen. Das kann ich verstehen und leider schafft es auch Niemand ihm seine Angst zu nehmen, außer er selbst! Hoffentlich unterstützen ihn Menschen auf seinem weiteren Lebensweg!!!“

Wieso sollte ich dann ein Problem mit meinen paar Haaren mehr am Körper haben? Gute Frage …

Jetzt zu Stefan und unserem Gespräch am Cap Finisterre zurück wieder. Stefan pilgerte den Camino und an einem Tag war es besonders heiß. Er kam an einem Fluss vorbei und er haderte kurzzeitig mit sich. Dann blickte er sich um und sah weit und breit keinen anderen Pilger. Kopf aus und Herz an. Kleidung vom Leib und ab in den Fluss. So herrlich frei hatte er noch niemals gebadet. Ein Genuss für Körper und Seele. Der Camino zeigt uns unsere Ängste, wir entscheiden selbst wie wir damit umgehen. Im Kopf und im Herzen. Der Camino fängt in ganz Europa, ich behaupte sogar der eigene Weg fängt, mit der Geburt an und er hört niemals auf.

Buen Camino 🙂

„Von der Nacktheit und der Angst.“

Kai Peter Jasny

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