Träume im Bürgerkrieg.


Bürgerkrieg

Die alte Windmühle stand schon vor Ende ihrer Lebenszeit im Abseits, ihr Ort des Seins, eine ziemlich kleine Provinzstadt am Mittelmeer.
Die Witterungsbedingungen und vor allem die magisch erscheinenden Winde, im Wechsel, Tagsüber vom Meer her kommend und Nachts über die Berge gleitend, streiften ihre maroden kreisförmigen Mauern.
Der Mörtel ihrer Mauern bröselte von Tag zu Tag und von Nacht zu Nacht leise, fast schon still ab.
Einige herab gefallene Steine sammelten sich auf dem trockenen Boden am Fuße der Mauern. Wie von Geisterhand dort hin gelegt.
Das Dach bestand aus verschieden Artigen Ziegeln, mehr oder minder, (was vom Ziegeldach noch übrig blieb) ein großer Teil von ihnen trug der Wind hinfort. Am Boden liegend einige zerbrochene rote Ziegelscherben.
Ein als Provisorium bestehendes Wellblechdach schmückte die Krone des abermals schönen Windmühlenhauptes. Nicht gerade schön anzusehen das Ganze jetzt im Bürgerkrieg. Wenn man sich die frühere majestätische Schönheit der Mühle vor Augen führen kann.
Notdürftig geflickt, von Menschenhand, nicht gerade liebevoll, einfach Zweckentsprechend in diesen Notzeiten.
Das Windrad war nicht mehr als solches zu erkennen, kein drehen der Flügel und kein Antrieb der Maschinerie zum Korn mahlen funktionierte noch.
Aus der Ferne erkannte man noch schwach, die kreuzförmige Konstruktion die das Windrad einmal ausmachte. Der Krieg schrieb seine ganz eigene Geschichte und die der Windmühle auch.
Eine große ehrenvolle Familie lebte hier an diesem Ort und ernährte viele Menschen im Umfeld des Örtchens, mit dem gemahlenen Mehl der Mühle.

Jetzt lag hier im Schutz der Mauern ein Jüngling, namens „Joan“ und er versteckte sich vorm Militär.
Seine erste Weinflasche, die er einem Landwirt klaute, trank er rasch leer. Sein Körper zitterte vor Angstgefühl. Die Furcht erwischt und getötet zu werden löste Schauder in ihm aus. Angst, Angst und abermals die Angst um sein noch junges Leben brachten ihn an den Rand der totalen Verzweiflung!

(Um seine ganze Geschichte zu seiner Flucht vor dem Krieg zu erzählen fehlt mir die Zeit und das nötige Wissen.)
„Joan“ ist vor kurzem erst 23 Jahre jung geworden, er verlor seine ganze Familie im Bürgerkrieg und er floh noch rechtzeitig vor dem Zwangseinzug durch’s Militär.
Seine größte Lebensfreude sah er, verspürte er immer und immer wieder in der eigenen Freiheit. Joan war ein Tagträumer und ein Tagelöhner. Von Grund auf hatte er die Lebenseinstellung: immer nur so lange und so hart zu arbeiten, bis er eine ganze Weile gut davon Leben konnte. Sein Ziel war die Entdeckung des Meeres, der Natur und der Ortschaften an Land.
Abends wenn die Sonne im Meer unterging, die Sterne ihr Licht zeigten und alles in der Stille der Nacht versank, da fühlte er sich so richtig wohl und lebendig. In Zeiten in denen er zu viel Wein trank, hörte er dem Meer und den Sterne zu. Sie erzählten ihm zärtliche Geschichten. Für diese Poesie der Weltenseele spielte er Musik auf seiner Flöte.
Melodien aus seiner Phantasie … geboren in den Sternstunden am Meer. Im Rausch hörte er sogar die Mauern der Mühle mit ihm sprechen. In seinem Versteck der Windmühlenruine vernahm er als das Kriegstreiben im Dorf. Laute Schreie von sterbenden und das Einschlagen der Kanonenkugeln.
Ins Dorf traute er sich schon lange nicht mehr, seine Nahrung und sein Trank stahl er sich auf den umliegenden, einsamen Bauernhöfen des Nachts.
Was seine Seele beruhigen konnte? Die Melodie des Friedens in seinem Herzen!
Sein Gefühl für die Vergangenheit, die Wochentage und letztendlich das Zeitgefühl lösten sich in Luft auf. Von Schlaf der Entspannung und der innerlicher Ruhe bringt, gab es weit und breit kein Anzeichen. Quasi unauffindbar, hoffentlich so lange der Bürgerkrieg noch andauert, ER auch.
Sein Angstgefühl nach jedem Aufwachen bestimmte den seinigen Lebensrhythmus. Beschäftigt mit der tagtäglichen Nahrungssuche und dem Besiegen der Angst. Seine Tagesabläufe glichen einer Windmühle deren Rotor sich gleichmäßig im Wind bewegt, und doch spürte er jeden Tag ein Glücksgefühl.Er lebte noch!
Seine Freunde und ein Teil seiner Familie starb an den Front und an den schrecklichen Folgen des Bürgerkrieges.
Er entkam dem Gräuel, er versteckte sich und für manch Erdbewohner war er schlicht und weg ein großer Feigling.
Doch er starb nicht durch die Ausmaße des Krieges und „Joan“spielte Nacht für Nacht Melodien auf seiner Flöte. Für sich, die Sterne und das Meer. Ein Träumer noch und noch. Vielleicht rettete ihm bis dato das sein Leben!?
In seinen Fluchttagen gab es Momente da Flogen ihm die Gewehrsalven nur so um die Ohren.
Aber er blickte niemals nie zurück und überlebte alle Attacken.
Einsame Stunden, Tage, Jahre und Nächte mit hungrigen Magen liegen hinter ihm.
„Joan“ lebt und singt mit seinem Instrument die Mauern der Windmühle an.
Die Mühle und ihre Mauern haben eine Seele, diese lebt mit ihm und von seinen Flötentönen.
In einer seiner wenigen und kurzen Tiefschlafphasen, träumte er von seiner großen Liebe. Ein Mädchen aus dem Dorf. Ob sie wohl noch lebt???
Alles war mittlerweile gleichgültig für ihn, außer sein Leben. Weglaufen vor dem Krieg sein einziges Bestreben. Er wollte kein Blutvergießen, geschweige denn in seinen Händen haben. Dazu gibt es kein Reinigungsmittel um es von dort wieder zu entfernen.
Keine Eltern mehr und keine Freunde um sich, einfach nichts, fast nichts …
In den Mauern der Mühle fand er eines Tages einen alten Brief. Dieser wurde zu seinem Schatz. Sein größter Reichtum.
Schon beim ersten Lesen des Briefes liefen ihm die Tränen über die Wangen. Zeilen – geschrieben von einer unbekannten Frau, dieser er nicht kannte und wohl niemals treffen werde. Ihre geschriebenen Worte formten ein Bild von ihr in seiner Brust. Es war ein Liebesbrief, zärtlich und rein.
Irgendwie spielte das Universum und sein Schicksal diesen Brief ihm zu, zu ihm und diese tief ergreifenden Zeilen liebte er. Er stellte sich vor, das er selbst der Mann aus ihren Träumen sei. Sein Herz horchte, pochte und hüpfte in seiner Brust. Der Krieg vergessen. Liebesbrief der Liebe. Fein säuberlich und ordentlich verstaute er den Brief der Unbekannten und er suchte für ihn ein neues Versteck. Wer weiß, sicher ist sicher
Nach der zweiten, seiner letzten Flasche Wein aus dem Vorrat, schlief er so schnell tief und fest, wie niemals zuvor.
„Joan“ träumte äußert intensiv von der Frau. Oder besser von dem Bild das durch ihre geschriebenen Zeilen in ihm entstand.
Es donnerte lautstark, erschrocken wachte er auf, nun konnte er den Donner sogar in seiner Magengegend vernehmen. Zuerst vermutete er ein starkes Gewitter, dem war nicht so.
Müde und mit betrunken sehenden Augen nahm er wahr, dass der der Bürgerkrieg jetzt bei ihm ist. Hautnah vor Ort. Bruchteile von Sekunden dachte er über eine erneute Flucht nach. Doch die Gewehrkugeln flogen ihm um beide Ohren sobald er den Kopf aus den Mauern der Windmühle streckte.
Ein Kanonenkugeleinschlag direkt in der Mühle. Viel Rumms und Rauch. Die Mühle stürzte in sich zusammen.
„Joan“ stirbt …

(Krieg und das Sterben als träumender Mensch, sein letztes Schicksal!)

Heitersheim, den 31.August.2008 – (umgeschrieben Freiburg, den 30.Mai 2015)
(Kai Peter Jasny)

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